Interview Alkohol am Arbeitsplatz
„Wenn niemand trinkt, ist es leichter“

Wenn der eigene Chef häufiger als normal zur Flasche greift, ist Fingerspitzengefühl der Mitarbeiter gefragt. Wie man mit der Situation am besten umgeht, erklärt Peter Raiser, Experte für Suchtprävention in Unternehmen.
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Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geht davon aus, dass bis zu zehn Prozent der Führungskräfte alkoholabhängig sind. Für ihre Unternehmen entstehen dadurch Kosten in zweistelliger Millionenhöhe. Unternehmen sollten in Prävention investieren, meint Peter Raiser. Der Sozialwissenschaftler ist bei der DHS spezialisiert auf betriebliche Suchtprävention und Suchthilfe.

Warum greifen Manager zum Alkohol?

Es kommt vor, dass Menschen zu riskantem Verhalten neigen, wenn sie Stress kompensieren wollen. Suchtmittelkonsum wie Alkoholkonsum kann dazugehören. Manager und Führungskräfte stehen heute besonders unter Stress, darum kommt es bei ihnen vielleicht etwas häufiger dazu, dass solches Kompensationsverhalten an den Tag gelegt wird. Ansonsten sind die Gründe für Alkoholkonsum vielfältig, sie können im Privatleben oder im Beruf liegen. Da ist es dann besonders der Stress, aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Zum Beispiel ein bestimmtes Betriebsklima, das vielleicht dem Alkoholkonsum förderlich ist. Auch ein mangelndes Bewusstsein gehört dazu, dass Alkoholkonsum am Arbeitsplatz durchaus eine Gefahr darstellen und auch für Fehler verantwortlich sein kann. Ebenfalls problematisch ist es, wenn ein betriebliches Gesundheitsmanagement fehlt, in dem solche Themen wie Alkoholkonsum dann auch angesprochen werden. Dann kann es natürlich passieren, dass ein leichtfertiger Umgang mit Alkohol am Arbeitsplatz gelebt wird.

Wie verhalte ich mich, wenn ich den Eindruck habe, dass mein Vorgesetzter ein Alkoholproblem haben könnte?

Das ist eine knifflige Situation. Man kann seinen Chef auf so ein Fehlverhalten ja nicht ohne weiteres ansprechen, vor allem, wenn man nur eine Vermutung hat. Da wäre es sinnvoll, sich mit anderen Mitarbeitern auszutauschen und die eigene Wahrnehmung abzugleichen. Wichtig ist immer, dass Alkoholprobleme angesprochen werden. Wenn es der eigene Chef ist, ist man vielleicht nicht die richtige Person dafür. Dann würde ich empfehlen, den Suchtbeauftragten im Betrieb zu kontaktieren, oder, falls vorhanden, die betriebliche Sozialberatung. Ansonsten können sich Arbeitnehmer auch an eine andere Führungsperson aus der Hierarchieebene des Chefs wenden. Das muss man immer im Einzelfall entscheiden.

Wie können Unternehmen die Therapie eines Mitarbeiters unterstützen?

Die Aussicht, im Anschluss auf eine Therapie den Beruf weiter ausüben zu können, ist ein großer Erfolgsfaktor für die Behandlung. Auch während der Reha-Maßnahme kann es sinnvoll sein, wenn die Person schrittweise wieder an ihren alten Job herangeführt wird, zum Beispiel kann die betroffene Person mit reduzierten Arbeitsstunden und möglicherweise veränderten Arbeitsanforderungen wieder einsteigen. Es ist wichtig, dem Betroffenen zuzusagen, dass er nach erfolgreicher Therapie in seinen Job zurückkehren kann. Wenn in der Dienstvereinbarung eines Unternehmens steht, dass am Arbeitsplatz komplett auf Alkohol verzichtet wird, dann hilft das der betroffenen Person natürlich auch. Wenn niemand im Büro trinkt, dann ist die Aufrechterhaltung der Abstinenz leichter.

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  • Mitarbeitenden, deren Vorgesetzte/r vermtulich problematisch trinkt oder suchtkrank ist, empfehlte ich - über die im Artikel genannten Instanzen hinhaus -, sich auch mit Betriebs- bzw.Personalrat oder MAV dbzgl. in Verbindung zu setzen. Die sind auch noch einmal zu besonderer Verschwiegenheit verpflichtet. In meiner mehr als 20jährigen betriebspräventiven Seminarerfahrung erleb(t)e ich sehr oft, dass Mitarbeitende bei Tabuthemen häufig den Kontakt in die höheren Führungsebenen scheuen.
    Auch die Arbeitsmedizin sollte als Instanz des Vertrauens nicht ungenannt bleiben! Grundsätzllich teile ich die Auffassung des Kollegen, dass der Einzelfall immer über die angemessene Strategie "entscheidet".

    Norbert Sinofzik, Referent für betriebliche Suchtprävention, Krefed-Uerdingen

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