Interview zum Titelwahn
„Der Doktor ist nichts anderes als ein Gesellenbrief“

Wer ein Dr. vor seinen Namen setzen darf, genießt hohes Ansehen. Oft zu Unrecht, findet Autor Bernd Kramer: Im Alltag sage der Titel wenig aus, so mancher Doktorand betrüge gar. Er fordert daher, den Titel abzuschaffen.
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DüsseldorfZwei Buchstaben können einen großen Unterschied machen: Der Doktortitel beschleunigt die Karriere und erhebt den Träger in den akademischen Adel. Doch die mühsame Arbeit wollen sich viele  ersparen – und beauftragen einen Ghostwriter oder kopieren ihren Text zusammen wie einst Karl-Theodor zu Guttenberg. Ohnehin sage das „Dr.“ vor dem Namen wenig aus, meint Bernd Kramer, Autor des Buchs „Der schnellste Weg zum Doktortitel“ – und fordert seine Abschaffung.

Herr Kramer, was kostet ein Doktortitel denn so?
Im Idealfall Blut, Schweiß und Tränen. Aber wer die Arbeit nicht selbst schreiben will, zahlt für einen Ghostwriter 10.000 bis 15.000 Euro, je nachdem, wie viele Seiten es sein sollen und ob es einen empirischen Teil gibt. Das ist vielleicht die teuerste Möglichkeit, sich den Titel zu erschleichen, aber dafür sichern viele Agenturen zu, eine plagiatsfreie Arbeit abzuliefern – schön in einzelnen Kapiteln, damit man damit zum Doktorvater gehen kann.

Warum ist der Titel so begehrt?
In bestimmten Berufsfeldern bekommt man mit Titel ein deutlich höheres Einkommen, etwa in Anwaltskanzleien. Es geht aber um mehr als das Finanzielle: Man zeigt, dass man zu einer Elite gehört, zum akademischen Adel. Der Doktor steht für eine große, lange Tradition. Viele Anwälte, mit denen ich gesprochen habe, sagen beispielsweise, dass sie den Titel für ein Schauspiel halten, erliegen aber trotzdem seinem Zauber.

Wer seine Arbeit ehrlich schreibt, leistet aber durchaus etwas.
Natürlich, aber im Prinzip ist der Doktor nichts anderes als eine Hochschulprüfung oder ein Gesellenbrief. Der einzige Unterschied: Man kann ihn sehr weiträumig im Alltag nutzen. In anderen Berufen leistet man ja auch etwas, ohne dass man sich das aufs Klingelschild schreibt.

Wie viele Doktoranden betrügen?
Es gibt keine seriösen Zahlen dazu, eine Schätzung geht davon aus, dass bei ein bis zwei Prozent der Doktorarbeiten betrügerisch vorgegangen wird. Das klingt wenig, aber bei den 25.000 Arbeiten, die hier im Jahr abgegeben werden, betrifft das schon einige Hundert.

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„Der Doktor ist nichts anderes als ein Gesellenbrief“

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„Der Dr. med. ist akademische Ramschware“

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  • Hallo,
    Ich weiß nicht, welche persönliche Erfahrungen Herr Bernd Kramer selbst mit Promotionen hat.
    Ich weiß nur, dass ich meine Promotion für mich selbst gemacht habe, um einmal im Leben in
    voller Freiheit einem Phänomen nachzugehen, das vor mir noch keiner untersucht hat. Dieses
    Abenteuer möchte ich nicht missen, und wünsche es noch vielen anderen Doktoranden in den kommenden
    Jahrhunderten.
    Das Tragen meines Doktortitels sehe ich als Auftrag und habe den Anspruch an mich in meinem
    gesellschaftlichen wie beruflichen Tun, mein Gehirn zu fordern und innovative Denkanstöße einzubringen,
    die vielleicht andere mit einem Professoren- uder Meistertitel viel besser umsetzen können als ich selbst.
    Ich denke, es macht wenig Sinn die Tour de France abzuschaffen, weil Radfahrer dopen. Vielmehr möchte ich
    den Anstoß geben, Scharlatane zu entlarven, seien es die Ghostwriter oder die Erschleicher eines Dr- Titels.
    Die Gesellschaft ist hier aber gut unterwegs.

    Zum Schluss sei noch allen gesagt, die einen Dr.-Titel ergattern wollen des Geldes wegen: Mit dem Titel alleine
    lässt sich kein Geld verdienen, man muss ihm in der Industrie durch Leistung schon gerecht werden.

    Herzliche Grüße

    Bernhard Bauer

  • Sicherlich haben da alle „ehrlichen Gläubiger, denen mit Falschgeld ihre Forderungen beglichen werden“ wieder leider das nachsehen . Doch wird der Dr.-Titel heute vielfach im „gesellschaftlich bürgerlich-orientierten Deutschland“ noch als Marketing-Instrument und Statussysmbol missbraucht. Da gibt es den Heilpraktiker Dr. phil. – der seine Patienten (Kunden) ein medizinisches Vollstudium vorgaukeln will – oder den promovierten Chemiker als Vertriebschef im Privatkundenbereich eines Telekommunikationsunternehmen – als Türöffner einer wohl eher akademiker-dominierten Führungsebene und eher Indikator für eine Seilschaft…-dies wird hier doch hier angeprangert. Akademiker vermögen derartige Mogelpackungen eher richtig abzuschätzen und einzuordnen – der einfache Bürger wird da jedoch eher „verschaukelt“!
    Eigentlich bereitet ja eine Promotion auf eine wissenschaftliche Hochschultätigkeit – mit dem Ziel der Erlangung einer (häufig beamteten!) Professorenstelle vor – und weniger auf eine – völlig anders geartete (!) „Managerstelle“ oder Freiberuflertätigkeit vor…- offenbar liegt aber für viele Hochschulabsolventen der besondere Reiz über eine universitätsvermittelte „Promotion“ den Beweis ihrer Managerqualitäten am Markt zu erbringen – was ja nicht so ganz logisch (& akademisch) ist, denn eine Universität bildet doch keinen Markt als Übungsmedium ab (!?) und sollte auch keine Titelmühle für eine eher bourgeoise Schickeria sein!
    In den USA wird der PhD (oder MD,JD usw.) dezent hinter dem Familiennamen getragen (ähnlich den M.B.A., MSc, BSc usw.)- offenbar ist man dort weniger bourgoise....als im alten Deutschland..Europa...

  • Wenn ich manche Kommentare von Titel-liebhabern lese, so
    werde ich ins Kindergarten zurückversetzt, wo sich die Kids
    um Spielzeuge streiten.

    Es gab mal ein Artikel "Wofür braucht man ein Dr.-Titel"
    war sehr treffend dargelegt, und in manchen Kommentaren
    enthalten.

    Ein Dr.-Titel hat jeder Abteilungsleiter bei Beyer
    Und fast jede Richterin mit 28J wobei Sie/Er nicht mal
    die Verzugszinsen ausrechnen könen über das Sie/Er urteilen.

    Aber bei Gesellen oder Meistern habe ich dieses Manko an
    Wissen nicht feststellen können.
    Wobei einige Akademiker sich hier sehr Ablassend über Gesellen äußert.

    Es mag der Dr.-Titel eine berufliche Beurteilung sein
    aber es sollte als überhebliche Zierde verboten sein.

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