Interview zum Titelwahn „Der Doktor ist nichts anderes als ein Gesellenbrief“

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„Der Dr. med. ist akademische Ramschware“

Buchautor Bernd Kramer fordert die Abschaffung des Doktortitels.

Buchautor Bernd Kramer fordert die Abschaffung des Doktortitels.

Gerade Mediziner stehen in Verruf, erst kürzlich berichtete das Handelsblatt über systematische Schummeleien an einigen Unis (Artikel kostenpflichtig)
Der Dr. med. ist akademische Ramschware. Selbst der Wissenschaftsrat sagt, dass er nicht dem Doktor in anderen Fächern entspricht. Die Medizin ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig der Titel aussagt – niemand fragt seinen Arzt, worüber er promoviert hat. Aber ohne Titel muss er sich rechtfertigen. Wenn man in Fächern wie Medizin strengere Maßstäbe anlegen würde, gäbe es jedenfalls deutlich weniger Doktoren.

Warum tun die Universitäten nicht mehr gegen Plagiate?
Die Unis werden wachsamer und schaffen Plagiatssoftware an, die aber nur mäßig funktioniert. Das Problem ist aber systembedingt: Viele Professoren werden besser bezahlt, wenn sie viele Doktoranden betreuen – ein Fehlanreiz. Außerdem können die Unis nicht nur sehr frei darüber entscheiden, was als promotionswürdige Leistung ansehen, sondern auch darüber, wie sie mit Plagiaten umgehen. Und sie haben in der Regel kein großes Interesse daran, Pfusch publik zu machen, weil das ein schlechtes Bild auf sie werfen würde. Wirklich konsequent gehen sie nur bei öffentlichem Druck vor, zum Beispiel in den Fällen Guttenberg und Schavan.

Wie lässt sich der Betrug eindämmen?
Nach den verschiedenen Skandalen hat sich eine Gegenbewegung entwickelt. Graduiertenkollegs sind eine Möglichkeit, die Qualität zu steigern. Die Promotion wird stärker verschult, dafür bekommt der Betreuer die Fortschritte des Doktoranden mit, Schummeln wird schwieriger. Allerdings geht auch etwas von der akademischen Freiheit verloren.

Was hilft gegen den Titelwahn?
Der Titel stammt aus dem Mittelalter und passt nicht mehr in unsere Zeit, konsequenterweise gehört er abgeschafft. Der Doktor ist im wissenschaftlichen Bereich ein Karriereschritt, für alles andere ist er eigentlich irrelevant. In Deutschland ist es allerdings einfacher, die Speicherung von biometrischen Daten im Reisepass durchzusetzen, als die Eintragung des Doktortitels abzuschaffen.
Danke für das Gespräch.

 

Bernd Kramer: Der schnellste Weg zum Doktortitel. Warum selbst schreiben, wenn's auch anders geht? Riemann Verlag. 286 Seiten. ISBN: 3570501752.

Das Buch gibt es auch im Kaufhaus der Weltwirtschaft.

Wie ist Ihre Meinung? Sollte man seinen Doktortitel im Namen tragen oder ist das ein Relikt aus vergangenen Zeiten? Diskutieren sie mit via Facebook oder schreiben Sie uns.

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30 Kommentare zu "Interview zum Titelwahn: „Der Doktor ist nichts anderes als ein Gesellenbrief“"

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  • Hallo,
    Ich weiß nicht, welche persönliche Erfahrungen Herr Bernd Kramer selbst mit Promotionen hat.
    Ich weiß nur, dass ich meine Promotion für mich selbst gemacht habe, um einmal im Leben in
    voller Freiheit einem Phänomen nachzugehen, das vor mir noch keiner untersucht hat. Dieses
    Abenteuer möchte ich nicht missen, und wünsche es noch vielen anderen Doktoranden in den kommenden
    Jahrhunderten.
    Das Tragen meines Doktortitels sehe ich als Auftrag und habe den Anspruch an mich in meinem
    gesellschaftlichen wie beruflichen Tun, mein Gehirn zu fordern und innovative Denkanstöße einzubringen,
    die vielleicht andere mit einem Professoren- uder Meistertitel viel besser umsetzen können als ich selbst.
    Ich denke, es macht wenig Sinn die Tour de France abzuschaffen, weil Radfahrer dopen. Vielmehr möchte ich
    den Anstoß geben, Scharlatane zu entlarven, seien es die Ghostwriter oder die Erschleicher eines Dr- Titels.
    Die Gesellschaft ist hier aber gut unterwegs.

    Zum Schluss sei noch allen gesagt, die einen Dr.-Titel ergattern wollen des Geldes wegen: Mit dem Titel alleine
    lässt sich kein Geld verdienen, man muss ihm in der Industrie durch Leistung schon gerecht werden.

    Herzliche Grüße

    Bernhard Bauer

  • Sicherlich haben da alle „ehrlichen Gläubiger, denen mit Falschgeld ihre Forderungen beglichen werden“ wieder leider das nachsehen . Doch wird der Dr.-Titel heute vielfach im „gesellschaftlich bürgerlich-orientierten Deutschland“ noch als Marketing-Instrument und Statussysmbol missbraucht. Da gibt es den Heilpraktiker Dr. phil. – der seine Patienten (Kunden) ein medizinisches Vollstudium vorgaukeln will – oder den promovierten Chemiker als Vertriebschef im Privatkundenbereich eines Telekommunikationsunternehmen – als Türöffner einer wohl eher akademiker-dominierten Führungsebene und eher Indikator für eine Seilschaft…-dies wird hier doch hier angeprangert. Akademiker vermögen derartige Mogelpackungen eher richtig abzuschätzen und einzuordnen – der einfache Bürger wird da jedoch eher „verschaukelt“!
    Eigentlich bereitet ja eine Promotion auf eine wissenschaftliche Hochschultätigkeit – mit dem Ziel der Erlangung einer (häufig beamteten!) Professorenstelle vor – und weniger auf eine – völlig anders geartete (!) „Managerstelle“ oder Freiberuflertätigkeit vor…- offenbar liegt aber für viele Hochschulabsolventen der besondere Reiz über eine universitätsvermittelte „Promotion“ den Beweis ihrer Managerqualitäten am Markt zu erbringen – was ja nicht so ganz logisch (& akademisch) ist, denn eine Universität bildet doch keinen Markt als Übungsmedium ab (!?) und sollte auch keine Titelmühle für eine eher bourgeoise Schickeria sein!
    In den USA wird der PhD (oder MD,JD usw.) dezent hinter dem Familiennamen getragen (ähnlich den M.B.A., MSc, BSc usw.)- offenbar ist man dort weniger bourgoise....als im alten Deutschland..Europa...

  • Wenn ich manche Kommentare von Titel-liebhabern lese, so
    werde ich ins Kindergarten zurückversetzt, wo sich die Kids
    um Spielzeuge streiten.

    Es gab mal ein Artikel "Wofür braucht man ein Dr.-Titel"
    war sehr treffend dargelegt, und in manchen Kommentaren
    enthalten.

    Ein Dr.-Titel hat jeder Abteilungsleiter bei Beyer
    Und fast jede Richterin mit 28J wobei Sie/Er nicht mal
    die Verzugszinsen ausrechnen könen über das Sie/Er urteilen.

    Aber bei Gesellen oder Meistern habe ich dieses Manko an
    Wissen nicht feststellen können.
    Wobei einige Akademiker sich hier sehr Ablassend über Gesellen äußert.

    Es mag der Dr.-Titel eine berufliche Beurteilung sein
    aber es sollte als überhebliche Zierde verboten sein.

  • AUFGEPASST! das mit dem DR. ist noch nicht schlimm.
    schlimm wird es erst dann, wenn sich fußballer "DR. e.h." oder "FUSSBALL-KAISER" oder "FUSSBALL-GOTT" nennen (dürfen), einen sack voll geld einstecken und unseren lieben herrgott einen guten mann sein lassen. da schlägt's DREIZEHN"!
    für unsere statistiker: etwa ein drittel aller "DR." sollen getürkt sein. das wissen nur die wenigsten.

  • Liebes Handelsblatt Team,

    es überrascht mich sehr, wer in Ihrer Zeitung mittlerweile Platz für KOmmentare und Eigenwerbung erhält?! Dieser Artikel listet zudem keine wirklichen Gründe für eine Abschaffung des Dr. Titels; mit Ausnahme, dass einige wenige nun gefälscht haben (Ja, jeder Einzelne ist einer zu viel). Aber deswegen die wissenschaftliche und mühsame Arbeit von Vielen damit als bedeutungslos darstellen??? Bitte?!

    Zur Erinnerung: Die Wissenschaft trägt einen essentiellen Beitrag zu unserem Wohlstand in unserem Lande. Die Dr. Arbeit stellt dabei dar, dass eine Person eigenständig wissenschaftlich arbeiten kann!

    Handelsblatt, ich hoffe, dass ich mich in der ZUkunft wieder besser auf ihre Vorselektion verlassen kann.

  • Ein Doktortitel im Medizinbereich ist erheblich leichter zu erwerben als beispielsweise im Ingenieursbereich. Einfach gesagt verlaesst der Medizinstudent die Uni mit dem Doktortitel und der Ingenieursstudent mit dem Mastersdegree. Ein Doktortitel im Ingenieursbereich dauert weitere 3-5 Jahre und ist damit weitaus wertvoller als im Medizinbereich, auch wenn das die breite Oeffentlichkeit bis heute nicht verstanden hat.

  • @ Markus Gerle
    "Jetzt sind einige Betrüger aufgeflogen (insbes. natürlich Politiker) und schon wird die Leistung aller ordentlichen Promotionsstudenten herab gewürdigt. Das sind meiner Meinung nach nur die Auswirkungen der linken Neidgesellschaft."
    Das Problem ist nicht durch eine linke Neidgesellschaft entstanden, sondern durch neoliberale Deppen, die der Meinung sind, mit Geld kann man sich alles kaufen. Und wenn es ein KTzGutenberg geistig nicht auf der Kanne hat, aber standesgemäß ein Dr.Titel her muß, dann wird er eben erschwindelt. Fliegen diese Poliker (vornehmlich FDP/CDU) auf, dann sind die es doch, die für die Herabwürdigung des Titels verantwortlich sind. Man könnte fast denken, bei den Linken ist die Leistung und nicht der Titel relevant!

    "Wer viel Steuern zahlt, hat ja seine Einnahmen auch zu Unrecht und nicht durch harte Arbeit bekommen." Hier das Gleiche. Es ist numal so, dass viele ohne Arbeit und eigenes Zutun zu Geld kommen. Vererbt. Und da werden eben leiden Können, Auftreten, Anstand usw. nicht mit vererbt.
    Durch Arbeit kann man in Deutschland schon lange nicht mehr reich werden!

  • @Alexander Knoll

    Aber es geht doch genau um die Eintragung in den Dokumenten. Wenn es da nicht drin stände, wer käme denn auf die Idee es mit einem "Dr." zu tun zu haben.

    Wüssten Sie, dass Norbert Lammert einen "Dr."hat?

    Ich kenne "Dr.", die diesen Titel auch haben, dies aber nie erwähnt haben - und die sind wirklich gut!

    Wenn es hier einen Aufstand geben sollte, dann sind es doch eben diese "Dr.", die man nur anhand des Eintrags in den Papieren erkennt und den ganzen Stand in Misskredit bringen.

    Ich bin auch dafür, dass alle, die nicht in Lhre und/oder Forschung tätig sind, die Berechtigung zum Führen des Doktorgrades verlieren sollten.

    Zugegeben, noch schlimmer geht's mit den Professoren zu.

    Eines ist festzuhalten, hätten viele dieser Herrschaften einen handwerklichen Beruf erlernt, würden nicht alle über einen Gesellenbrief verfügen.

    Um fair zu bleiben:
    Es gibt tüchtige Gesellellen und es gibt tüchtige Doktoren und Professoren. Die Diskussion geht hier ausschließlich um die "Anderen".

  • Vielen Dank für die vielen interessanten Kommentare. Ein Hinweis zum Vergleich in der Überschrift: Der Buchautor vergleicht den Doktorgrad mit einem Gesellenbrief, weil es sich ebenfalls um einen Abschluss handelt - wenn auch einen aufwendigen.

    Christof Kerkmann, Handelsblatt

  • Durchwegs gute Ausbildung der Akademiker, insbesondere Mediziner in Deutschland? Naja, da kann man durchaus geteilter Meinung sehen.

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