Karriere und Management
Warum sich Chefs falsch einschätzen

Wenn man als Chef nur noch Gutes von seinen Leuten hört, gibt es zwei Erklärungen: Entweder hat man seinen Leuten die Kritik ausgetrieben – oder man merkt nichts mehr. Über das riskante Phänomen der Selbstüberschätzung.

KölnAls Bodo Janssens Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, lag plötzlich die strategische Ausrichtung und das gesamte operative Geschäft in den Händen des Juniors – ein zahlenfixierter Lebemann, süchtig nach Anerkennung und Bestätigung. Es lief wirtschaftlich gut, Janssen saß irgendwann relativ selbstzufrieden in seinem Büro und hielt sich für einen tollen Manager. Doch seine Mitarbeiter sahen das anders. Sie wurden krank, kündigten, Bewerbungen blieben aus. Der Ruf als Arbeitgeber: miserabel. Eine darauffolgende Mitarbeiterbefragung: niederschmetternd.

Kontrollwahn, Zahlenhörigkeit und Angsthierarchien: Der inzwischen geläuterte aber einst sozialallergische Unternehmer aus Ostfriesland ist kein Einzelfall. Steve Jobs, Jack Welch, Ferdinand Piëch: das sind alles zwar große CEOs, aber nicht gerade Synonyme für empathisches Führen. „Ich bin”, „Ich kann”, „Ich will”, vor allem bei Führungskräften klaffen Selbst- und Fremdbild häufig auseinander. Ein altes Phänomen, das schon der Schriftsteller Ödön von Horváth mit den Worten: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu” beschrieb.

Einer Forsa-Umfrage zufolge sind 95 Prozent der Manager davon überzeugt, dass sie eine gute und beliebte Führungskraft sind. Auf der anderen Seite beschreibt das Meinungsforschungsinstitut Gallup, dass 85 Prozent der Beschäftigten im Job unzufrieden sind. Der Hauptgrund? Sie gebrauchen ihren Kopf überwiegend nur noch zu dem Zweck, ihn über den Chef zu schütteln. Warum aber schätzen sich so viele Führungskräfte so falsch ein? Chefs, die eigentlich genügend Seminare besuchen und ein Buch nach dem anderen zum Thema Führung lesen?

„Managern, die sich jeden Abend in den Schlaf weinen, gelingt der Aufstieg nicht“, weiß Rüdiger Hossiep, Wirtschaftspsychologe an der Universität Bochum. Daher sei es für eine erfolgreiche Karriere zunächst wichtig, über die entsprechende psychische Konstitution, also ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu verfügen. „Menschen, die sich stark überschätzen, kommen dadurch leichter in Führungspositionen“, erklärt auch der Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning von der Hochschule Osnabrück das klassische Stereotyp des „Alpha-Männchens“.

Allerdings hat die Sache einen Haken: So entfaltet sich in Unternehmen geradezu organisch ein System, das dafür sorgt, dass diejenigen, die an der Hierarchiespitze stehen, nur konstante, selbstwertdienliche Informationen erhalten. Hossiep: „Also nach dem Motto: Mensch Chef, bist du gut!“ Es läuft super, man hat die Dinge im Griff et cetera. „Die Mitarbeiter wissen genau, was sie risikolos nach oben kommunizieren können. Falls doch mal Kritisches hoch kommt, wird es von den Zwischenebenen weggefiltert“, so der Bochumer Wirtschaftspsychologe.

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„Irgendwann glaubt man, man ist unfehlbar“

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