Karriere
Der Lebenslauf des Scheiterns

Unsicherheit blockiert die Arbeit

Den Druck, den vermeintlich perfekten Lebenslauf zu haben, kennen viele Berufsanfänger. „Aber der Unterschied zur freien Wirtschaft ist, dass die berufliche Zukunft in der Wissenschaft viel länger unsicher bleibt“, sagt der Vize-Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Andreas Keller. Ob man eine Professur bekommt, entscheide sich mit Ende 30, Anfang 40. Für den Wechsel ins Ausland oder in die freie Wirtschaft sei es da fast zu spät.

„Ich würde mir wünschen, einfach mit ganzem Herzen Wissenschaftlerin sein zu können“, sagt eine junge Frau, die gerade ihren Doktortitel in Geschichtswissenschaft an einer bayerischen Universität macht. „In Wirklichkeit habe ich aber Angst vor prekären Arbeitsverhältnissen und Altersarmut trotz hohem Bildungsgrad und großem Engagement.“ Dass sie eine Frau ist und sich Kinder wünscht, verstärke den Druck noch.

Die Doktorandin will ihren Namen nicht mit diesen Zitaten in den Medien veröffentlichen. Wer klagt, hat Sorge, als zu schwach für die Aufgaben wahrgenommen zu werden. „Gerade gute Forschung braucht Zeit, und sie kennt natürlicherweise auch unproduktive Phasen“, sagt die junge Historikerin. „Die sind allerdings nicht vorgesehen.“

Es gibt in Deutschland der GEW zufolge keine offiziellen Zahlen zur psychischen Gesundheit von Nachwuchswissenschaftlern. Rückert schätzt, dass etwa fünf Prozent der jungen Forscher an seiner Uni sich bei ihm und seinen Kollegen etwa wegen Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme Hilfe holen, wobei seiner Meinung nach mehr Probleme haben. Sie gingen lieber zum Hausarzt – oder versuchten, sich selbst zu kurieren oder mit Drogen abzulenken.

„Lässt man die Unsicherheit zu nah an sich heran, blockiert sie das Denken und damit das Arbeiten“, berichtet die junge Historikerin von eigenen Erfahrungen. „Viel produktiver ist da schon der Ärger darüber, dass unsere Gesellschaft meine Fähigkeiten wenig zu schätzen scheint.“

Bis vor wenigen Jahren seien die schlechten Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft eher geleugnet worden, schildert GEW-Vize Keller. Im Mai einigte sich die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern auf ein Förderprogramm für längere Vertragslaufzeiten. Die psychische Gesundheit der Betroffenen aber, so Keller, ist noch gar nicht auf der Agenda.

Aktuell sei deutlich weniger als die Hälfte des wissenschaftlichen Nachwuchses in der GEW. Zu lange hätten sich die Betroffenen nicht getraut und es nicht als Strategie erkannt, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Und wie sinnvoll sind ehrliche „CVs of failures“? Selbst der prinzipiell aufgeschlossene psychologische Berater Rückert betont: „Ich würde niemandem empfehlen, einen solchen CV of failures zu veröffentlichen, der gerade auf Jobsuche ist.“

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Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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