Knigge-Experte im Interview: „Sexualität an sich zu verteufeln, ist falsch“

Knigge-Experte im Interview
„Sexualität an sich zu verteufeln, ist falsch“

Der Vorsitzende der Deutschen Knigge Gesellschaft, Hans-Michael Klein, erklärt, warum man bei Belästigung durch den Vorgesetzten die Contenance nicht verlieren und die männliche Sexualität nicht verteufeln sollte.
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Herr Klein, ist Sexismus salonfähig?

Nein, ganz im Gegenteil. Sexismus ist nicht salonfähig und wird es auch nicht sein. Das liegt an der Haltung der Frauen. Sie werden immer vorsichtiger und hellhöriger auf sexuelle Anspielungen. Die Entrüstungsbereitschaft in der Gesellschaft stark gestiegen. Bei der Haltung der Männer hat sich anscheinend wenig geändert, wie Brüderle doch zeigt. Diese Männer machen noch gerne ihre „Herrenwitze“ und wundern sich über die Reaktionen.

 Ab wann wird zum Beispiel aus Herrenwitzen im Büro sexuelle Belästigung?

Immer dann, wenn sich jemand belästigt fühlt, kann man von sexueller Belästigung sprechen. Man kann das aber nur schwer an dem Gesagten messen. Was die eine als Belästigung empfindet, ist für die andere wiederum nur ein Witz.  Es gibt also diese beiden Seiten. Da geht es auch um subjektive Kriterien und die Frage: Wo beginnt für diese Person Belästigung? Und da kann man durchaus sagen, dass zum Teil zu scharfe Kriterien gesetzt werden und eine Überreaktion stattfindet.

Hat die „Stern“-Journalistin, die sich von Rainer Brüderle belästigt gefühlt hat, also übertrieben?

Das kann man nur schwer beurteilen. Es geht dabei um subjektive Wahrnehmung. Wie hätte eine andere Frau in der Situation reagiert, wäre eine Frage die man sich dabei stellen müsste. Es ist aber seltsam erst ein Jahr später an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn ein harter Fall von sexueller Belästigung vorlag.

Das hört sich so an, als sei das Alles im Grunde gar nicht so schlimm.

Wenn eine Frau sich sexuell belästigt fühlt, ist das natürlich schlimm. Nur ist es so, dass die Grenze für das, was als sexuelle Belästigung empfunden wird, zudem subjektiv ist und zum anderen immer weiter runtergeht. Da wird auch überreagiert. Außerdem wird in dieser Debatte die Sexualität an sich verteufelt, was falsch ist. Die männliche Sexualität an sich ist nicht negativ – wir brauchen sie ja auch um weiterzubestehen. Es ist wichtig in diesem emotionalen Thema zwischen Männlichkeit und dem Pseudo-Männlichkeits-Gehabe der fünfziger Jahre zu unterscheiden.

Die Debatte wird aber heute, im Jahr 2013 geführt. Hat sich seit den Generationen denn überhaupt etwas verändert?

Bei dem Großteil der Männer hat sich nicht viel geändert. Die Sensibilität auf Seiten der Frauen und natürlich auch einigen Männern hat eher zugenommen. Frauen haben sich früher in ihrer Abhängigkeit vom Mann mehr gefallen lassen. Das hat sich – Gott sei Dank – geändert. Viele Männer haben sich aber das Chefgehabe aus den Fünfzigern bewahrt. Sie glauben immer noch, sie könnten irgendwo reinmarschieren und ein paar deftige Sprüche zum Besten geben. Das ist eine zutiefst joviale, primitive Haltung, die nicht mehr unserer Zeit entspricht.

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„Männer machen sich mit Komplimenten bloß verdächtig"

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