Konzentration

Wie Sie auch im digitalen Zeitalter in Ruhe arbeiten

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Das Gehirn braucht Auszeiten

Osram-CEO Olaf Berlien ist im Büro so eingespannt, dass er sich fast schon auf Langstreckenflüge freut: „Da habe ich Zeit zum Nachdenken.“ Und Continental-Personalchefin Ariane Reinhart hat an einem Achtsamkeitstraining teilgenommen, das das Unternehmen allen Mitarbeitern anbietet: „Für mich ist es Teil meiner täglichen Routine, immer wieder bewusst in mich hineinzuhören.“

Was esoterisch klingen mag, ist inzwischen wissenschaftlicher Konsens: So wie selbst der stärkste Motor nicht ständig Vollgas geben kann, verlangt auch das menschliche Gehirn nach Auszeit.

Pausen machen produktiv

„Wir sollten Arbeit und Ruhepausen als gleichrangig betrachten“, sagt auch der Autor Alex Soojung-Kim Pang. In seinem neuen Buch „Pause“ plädiert der Gastwissenschaftler der Stanford-Universität dafür, Ruhezeiten als notwendig für das Gehirn zu erachten, um Informationen zu verarbeiten, einzuordnen und neue Zusammenhänge herzustellen: „Eine richtig gestaltete Pause macht uns kreativer und produktiver – ganz ohne das Gruselkabinett des endlosen Rackerns bei stetig steigenden Erwartungen.“

Das können Forscher inzwischen sogar messen: Ruhepausen füllen die notwendigen Energiereserven auf und machen neue Einsichten erst möglich. Die Neurowissenschaftlerin Imke Kirste vom Duke University Medical Center konnte in einer Studie im Jahr 2015 zeigen, dass das Gehirn bei völliger Stille neue Zellen im Hippocampus bildet – einer Region, die für das Gedächtnis und das Lernen wichtig ist.
Ohne Pausen steigt der Stress

Und Brian Ostafin von der niederländischen Universität Groningen stellte seinen Probanden im Jahr 2012 knifflige Denkaufgaben, für deren Lösung sie unbegrenzt Zeit hatten. Bevor sie jedoch mit der Arbeit beginnen konnten, mussten sie sich eine zehnminütige Tonaufnahme anhören. Während die eine Gruppe Meditationsübungen und Atemanweisungen lauschte, bekam die andere Gruppe einen geschichtlichen Text zu hören. Die Teilnehmer mit Entspannungsübungen auf den Ohren konnten die Knobelaufgaben im Anschluss wesentlich besser lösen.

Auch der deutsche Zeitforscher Karlheinz Geißler hält es daher für geradezu „idiotisch“, von einer stundenlangen Konferenz an den Schreibtisch zu hasten und seine Arbeit nahtlos fortzusetzen. „Wir Menschen sind ein Pausenwesen“, sagt der 72-Jährige. „Wer nicht zwischen Zeiten der Aktivität und der Passivität wechselt, der wird atemlos und gestresst.“

Damit beginnt ein Teufelskreis. „Stress entsteht auch, weil wir nichts beenden“, sagt auch Geißler. „Haben Sie etwas erledigt, sollten Sie dies durch eine markante Handlung abschließen.“ Der Heimweg nach einem hektischen Arbeitstag sei die wichtigste Übergangsphase des Tages. „Lesen Sie keine E-Mails in der U-Bahn, sondern versuchen Sie, Abstand zu gewinnen – durch Nichtstun etwa“, sagt der Zeitforscher. „Noch besser Sie fahren mit dem Fahrrad, dann sind sie näher an der Natur.“

Damit sich die Mitarbeiter diese Momente auch während der Arbeitszeit gönnen, müssen ihre Arbeitgeber eine entsprechende Kultur vorleben. Der Technologiekonzern SAP bietet zum Beispiel zweitägige Seminare an, in denen die Mitarbeiter lernen sollen, Ruhemomente in ihren Arbeitsalltag einzubauen. „Solche Pausen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen“, sagt Margret Ammann, die diese Workshops als Trainerin leitet und selbst seit mehr als 15 Jahren meditiert. „Durch diese Momente der Stille gewinnen wir die Kontrolle über unsere Gedanken zurück.“

Das versucht auch der Schweizer Autor Rolf Dobelli – durch radikalen Verzicht. Er liest keine Zeitung, schaut kein Fernsehen, checkt nicht mal eben Twitter oder Facebook. Er meidet Small Talk und lehnt nahezu alle Einladungen zu Talkshows, Abendessen oder Events ab. Die einzige Ablenkung, die er sich gönnt? „Ich checke meine Mails alle zwei Stunden – was noch zu oft ist.

Der Luxus eines Bestsellerautors? Sicher. Doch zumindest Spurenelemente seiner Strategie können auch fest angestellte Bürokräfte übernehmen. „Die Auszeit, Freizeit, Denkzeit muss in jeder Woche vorhanden sein“, sagt Dobelli, „sie muss integrierter Bestandteil des ganz normalen Arbeitslebens sein.“

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