Mobbing am Arbeitsplatz
Chefs mobben häufig ganz legal

Keine Begrüßung, Extra-Aufgaben, ein rauer Ton – Chefs haben viele Möglichkeiten, Mitarbeiter ganz legal aus dem Unternehmen zu ekeln. So wehren Sie sich erfolgreich gegen Mobbing.

Es ist kurz vor Feierabend. Der Mitarbeiter hat seinen Computer heruntergefahren. Doch dann tritt der Chef an seinen Schreibtisch – mit einer umfangreichen Aufgabe, die noch am selben Tag und möglichst schnell erledigt werden muss. In dem Mitarbeiter steigt Wut auf. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass der Vorgesetzte ihm Überstunden aufbrummt. Er fühlt sich schikaniert – von seinem Chef gemobbt.

Selbst wenn der Vorgesetzte seinen Mitarbeiter tatsächlich ärgern wollte – von Mobbing kann man in einer Situation wie dieser noch längst nicht sprechen, denn: „Nur weil der Chef vielleicht einmal einen schlechten Tag hat und seinen Mitarbeiter wie in dieser Situation ungerecht behandelt, handelt es sich nicht direkt um Mobbing“, sagt Karriereberaterin Ute Bölke.

Denn nach der Rechtsprechung der Arbeitsgerichte handelt es sich um Mobbing erst, wenn mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind. „Es muss eine Täter-Opfer-Konstellation vorliegen und das Verhalten muss sich über einen längeren Zeitraum kontinuierlich fortsetzen. Zudem muss es systematisch und zielgerichtet sein und auf die Verletzung des Persönlichkeitsrechts oder der Gesundheit des Betroffenen abzielen“, sagt André Kasten, Arbeitsrechtler bei der Kanzlei Abeln. Der Chef muss also das klare Ziel vor Augen haben, den Mitarbeiter aus dem Unternehmen zu drängen. Liegen aber mehrere Monate zwischen den Attacken, halten sie nur über wenige Wochen an oder intrigieren mehre Kollegen unabhängig voneinander gegen die Person, handelt es sich juristisch meist nicht um Mobbing.

Dementsprechend schwer ist es für Betroffene, Diskriminierung am Arbeitsplatz nachzuweisen. „Letztlich kann ein Chef aus juristischer Sicht alles mit seinem Mitarbeiter machen, wenn keine Zeugen dabei sind“, meint Karriereexpertin und Psychotherapeutin Madeleine Leitner, die seit mehr als 20 Jahren mit Mobbing-Opfern zu tun hat. Die Palette der Sticheleien sei unendlich. Aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung als Psychotherapeutin weiß sie, dass einigen Chefs alle Methoden recht sind, um einen Mitarbeiter fertig zu machen: Manche stellen ihren Angestellten unlösbare Aufgaben, um sie abschließend abzumahnen – da sie ihren Job angeblich nicht gescheit gemacht haben. Andere Chefs entziehen hingegen ihren Mitarbeitern die Aufgaben, sodass sie gar nichts mehr zu tun haben, aber den ganzen Tag anwesend sein müssen. Auch beliebt: Mitarbeiter an der kurzen Leine halten und jeden Handschlag überwachen.

„Sie sind ja empfindlich“

Und sogar die brüllenden Chefs gibt es laut der Expertin noch. „Selbst in den oberen Chefetagen vieler Unternehmen gibt es heute noch Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter anschreien – auch wenn man das kaum glauben mag“, sagt Leitner. Diese direkte Methode des Mobbings kratzt genauso am Selbstwertgefühl eines Mitarbeiters wie indirekte Strategien: zum Beispiel den Mitarbeiter klein machen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Chef seinem Angestellten Erfolge nicht zugesteht und behauptet, dabei handele es sich um einen Zufall – oder ihn vor versammelter Mannschaft mit den Worten „Sie sind ja empfindlich“ regelmäßig als labilen Menschen darstellt.

All diese Dinge gibt es vermutlich, seit es Arbeitsverhältnisse gibt. Doch laut Leitner tauchte der Begriff Mobbing erst Mitte der 90er-Jahre als solcher auf und war zu dieser Zeit noch verpönt. „Der Übergang zwischen politischen Machtspielchen auf der Arbeit und richtigem Mobbing sind mittlerweile fließend. Heute ist Mobbing leider schon eine Art Volkssport in Unternehmen geworden“, sagt Leitner.

Und die Zahlen geben der Expertin recht: Die Krankenversicherungsagentur Pronova BKK hat im März mehr als 1600 Deutsche zu ihren alltäglichen Arbeitsbelastungen befragt: Mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) gab an, dass ihn Mobbing am Arbeitsplatz belastet – sei es durch den Chef oder die Kollegen. „Heutzutage müssen Mitarbeiter wachsam sein und mit Mobbing am Arbeitsplatz rechnen“, sagt Leitner. Dabei sei es von Vorteil, die Waffen zu kennen, mit denen Chefs kämpfen.

Doch Karriereberaterin Bölke weiß, dass viele Mitarbeiter erst einmal an ihrer eigenen Empfindung zweifeln, weil das Mobbing anfangs eher im kleinen Kämmerchen stattfindet: sarkastische Kommentare, der Mitarbeiter wird aus dem E-Mail-Verteiler gelöscht, ein feindlicherer Ton in Vier-Augen-Gesprächen mit dem Chef. „Die Betroffenen fühlen sich, als würden sie plötzlich eine andere Brille tragen, durch die sie ihre Umwelt vollkommen anders wahrnehmen.“ Dann setzt die Selbstentwertung ein: Der Mitarbeiter stellt seine Fähigkeiten und sich selbst in Frage.

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Das können Sie gegen mobbende Chefs tun

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