Perfekte Vorträge
„Ein großer Redner informiert nicht, er bewegt“

Gute Reden zu halten ist nur zum Teil eine Frage des Talents. Mit Übung und der richtigen Technik kann jeder überzeugen. Ein Interview mit Coach Florian Mück über die Tricks einer perfekten Ansprache.
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DüsseldorfHerr Mück, wer ist derzeit der beste Redner, den Sie kennen?

Die freie Rede ist ein Berg ohne Gipfel. In Superlativen zu antworten fällt mir deshalb schwer. Barack Obama, Hillary Clinton oder Martin Schulz sind sicherlich exzellente Rhetoriker. Jedoch sind Politiker von heute aufgrund des Systems beschränkt in Inhalt und Form. Wer mich stark bei einer Rede in Barcelona beeindruckt hat, war Joachim Gauck dank seiner Anekdoten, Authentizität und Ausstrahlung. Ein Name, der mir sofort in den Kopf kommt, wenn auch nicht derzeit, ist der unsterbliche Martin Luther King.

Was unterscheidet einen guten von einem durchschnittlichen Redner im Wesentlichen?

Durchschnittlich und gut sind subjektive Betrachtungsweisen, die den Nagel nicht genau auf den Kopf treffen. Die Frage ist vielmehr, ob ein Redner sein Publikum begeistern kann oder nicht. Arbeitet er mit seiner Stimme oder nicht? Bewegt er seinen Körper oder nicht? Motiviert er, inspiriert er, hat er eine Botschaft für sein Publikum oder nicht? Die Kunst der Rhetorik besteht nach Aristoteles nicht darin, Menschen über etwas zu informieren. Sie besteht darin, Menschen zu überzeugen und zu Handlung zu bewegen. Ein großer Redner informiert nicht, ein großer Redner versteht es, sein Publikum zu überzeugen und zu einer spezifischen Handlung zu bewegen. Das unterscheidet ihn oder sie von der grauen rhetorischen Masse.

Wie sollte eine gute Rede strukturiert sein?

Leonardo da Vinci hat mal gesagt: „Einfachheit ist die ultimative Raffinesse.“ Das gleiche gilt für die Struktur von Reden und Präsentationen. Wenn wir Sohn oder Tochter von Sharon Stone und Albert Einstein wären und einen IQ von 187 hätten, wie viele verschiedene Punkte könnten wir uns in einer 45-minütigen Rede merken? Die Antwort ist sieben bis acht. Ein Handelsblatt-Leser ca. fünf, und die goldene Regel der Rhetorik heißt drei. Eine gute Rede hat eine kreative, überraschende Einleitung, einen Hauptteil mit drei Inhaltsblöcken und einen Schluss mit Botschaft, der inhaltlich verbunden ist mit der Einleitung. Seit der Erörterung in der achten Klasse hat sich nicht wirklich viel geändert.

Also ruhig auch mal etwas weglassen?

Ja. Redner neigen dazu, ihrem Publikum alles zu erzählen, was sie über ein bestimmtes Thema wissen. Das Publikum jedoch interessiert sich nur für die wichtigsten Facetten, die informativsten, die emotionalsten. Und das sollten immer drei sein. Bei der Präsentation einer Marktstudie zum Beispiel könnte der Redner die drei wichtigsten Erkenntnisse vorstellen und gleichzeitig auf die Gesamtstudie verweisen, die am Ausgang bereit liegt. In der freien Rede ist weniger immer mehr.

Welche Tricks gibt es beim Einstieg?

Der erste Satz ist einer, wenn nicht der wichtigste Satz jeder Rede oder Präsentation. Ich frage mich jedes Mal, warum kaum ein Redner den Wert des Einstiegs erkennt. Immer wieder die gleichen Standard-Phrasen. „Hallo, einen wunderschönen guten Tag, mein Name ist Max Mustermann von der Firma XYZ. Heute werde ich Ihnen etwas erzählen über…“ Die große Mehrheit aller Redner verschwendet die große Chance, das Publikum von der ersten Sekunde an in seinen Bann zu ziehen. Ich empfehle fünf Varianten für einen besseren Einstieg. Ein Zitat. Ein polemischer Satz mit Auflösung („Wir werden alle untergehen… in einem Meer aus Erfolg.“). Ein tragendes Wort (z.B. Durchhaltevermögen, Zielstrebigkeit, Vision), das die Kernbotschaft des Vortrags reflektiert. Eine persönliche Anekdote. Eine Frage ans Publikum – rhetorisch oder nicht. Falls das Protokoll die Begrüßung bestimmter Leute im Publikum vorschreibt, kann diese nach dem Eingangsparagraph erfolgen.

Wie beendet man idealerweise eine Rede?

Das Ende jeder Rede sollte folgende Kriterien erfüllen. Es sollte erstens eine Botschaft beinhalten. Keine Rede ohne Botschaft. Zweitens, eine konkrete Handlungsanweisung. Professor Conor Neill von der IESE Business School Barcelona nennt ihn den „Point X“. Der Point X ist eine konkrete Handlung, die mein Publikum ausführen kann, nachdem es meine Rede gehört hat. Eine konkrete erste Handlung macht aus passiven Zuhörern aktive Mitmacher - ein psychologisch wichtiger Schritt, um Menschen für sich zu gewinnen. Das dritte Kriterium ist die inhaltliche Rückkopplung zum Beginn der Rede. Daneben empfehle ich, das „Vielen Dank“ wegzulassen, um den letzten Eindruck der Rede zu stärken. Kein Mensch im Publikum wird es vermissen.

Was macht man mit den Händen? Eine Raute wie Frau Merkel vielleicht?

„Was soll ich nur mit meinen Händen machen?“, ist eine Frage, die mir Seminarteilnehmer immer wieder stellen. Abgesehen von der notwendigen Transparenz – keine Hände in Hosentaschen, keine Hände hinter dem Rücken - ist eine Reihe von Handgesten in jedem Fall zu vermeiden. Dazu zählt neben Frau Merkels Diamant, wie ich ihn nenne, auch Händewaschen, Beten oder Eheringdrehen. Meine Empfehlung ist, die Hände zu nutzen, um das gesprochene Wort mit entsprechender, kohärenter Gestik zu verstärken. Der runde Ball, die Körpergröße der Tochter, die ablehnende Haltung zu einem Gesetzesentwurf – der Unterstützung durch Handgestik sind keine Grenzen gesetzt. Der Einsatz von Körpersprache hängt immer auch von der Situation ab. Die Kamera verbietet die große Gestik, die Bühne liebt sie. Eines steht jedoch fest: Der Diamant ist wertlos.

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„Der erste Satz ist der Aufmerksamkeitsfänger“

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