Promotion

Ist der Doktortitel wirklich ein Karriere-Turbo?

Der Fall Schavan weckt den Verdacht, dass in der „Bildungsrepublik Deutschland“ Schein mehr zählt als Sein. Fakt ist: Die Doktorwürde bringt für die Karriere weniger als gedacht. In welchen Positionen sie wirklich nutzt.
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Doktorarbeit spaltet Wissenschaftler

DüsseldorfOhne Doktorarbeit kein Spitzenposten in der deutschen Wirtschaft, könnte man meinen – angesichts von 18 Vorstandsvorsitzenden allein bei den 30 Dax-Unternehmen, die einen Doktortitel führen.

Doch schaut man genauer hin, finden sich auf den höchsten Rängen auch vielfältige Gegenbeispiele und alternative Karriere-Modelle: Telekom-Chef René Obermann zum Beispiel, gelernter Industriekaufmann, der sein VWL-Studium abgebrochen hat. Oder Siemens-Chef Peter Löscher, der auf sein Wirtschaftsstudium in Wien statt des Doktors lieber einen MBA-Abschluss sattelte.
Von rund 2.000.000 deutschen Doktoranden schlossen 27.000 ihre Promotionen in 2011 ab. Tendenz leicht steigend. Diejenigen Arbeitgeber, die sich einen Doktor frisch von der Uni leisten, bezahlen ihm laut Kienbaum-Gehaltsstudien im Schnitt 25 Prozent mehr Gehalt als Berufseinsteigern ohne Doktortitel – die jedoch auch schon früher mit dem Geldverdienen anfangen können.

Später verringert sich dieser Gehaltsunterschied, denn dann bestimmen der Wert der bekleideten Funktion und deren Zuordnung zu bestimmten Gehaltsbändern das jeweilige Salär. Der Doktortitel ist dafür unerheblich, denn die Weiterentwicklung im Gehaltsband hängt von der persönlichen Leistung ab und nicht davon, welche akademischen Ehren zuvor einmal errungen wurden.

Wenn sich der Doktor-Titel also nicht als Gehaltsturbo auswirkt, wirkt er dann wenigstens als Karriere-Beschleuniger? Allenfalls beim Berufseinstieg, meinen Experten. Ulrich Goldschmidt, Geschäftsführer des Verbandes „Die Führungskräfte“, der alljährlich Gehaltsanalysen unter seinen rund 20.000 Mitgliedern vornimmt, meint sogar: „Doktortitel haben in Unternehmen an Relevanz verloren. Dieser Titel spielt allenfalls beim Einstiegsgehalt eine Rolle, wenn er einen Aufschlag erzielt. Schon hier machen aber immer weniger Unternehmen eine Ausnahme für Titelträger.“

Dennoch: In einigen Branchen wird nach wie vor auf den Titel geschaut. Sörge Drosten, Geschäftsführer bei der auf Top-Management-Positionen spezialisierten Personalberatung Kienbaum, sagt: Speziell „dort, wo die Funktion mit Wissenschaftlichkeit in Verbindung gebracht wird, also etwa in der Forschung, wirkt der Doktortitel als Nachweis für die Fähigkeit, wissenschaftlich arbeiten zu können“.

Wo Sie sich den Titel sparen können
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21 Kommentare zu "Promotion: Ist der Doktortitel wirklich ein Karriere-Turbo?"

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  • @leo

    ich stimme dem Argument mit der intrinsischen Motivation zu 100% zu.


    studere=widmen

  • @SayTheTruth

    ich schließe mich Better_KnowTheTruth an bzgl. der Promotion in der Medizin. Es ist (eigentlich) allgemein bekannt, das eine Promotion in der Medizin eine Art "Schmalspur-Promotion" ist (Ich will damit niemanden zu Nahe treten; Indizien: Nur 1 bis 2 Jahre Zeitaufwand, Hauptmotivation "Dr" fürs Praxisschild, Promovierender bekommt die Forschungsfrage von "Resterampe" des Profs, usw.). Insb. in der Medizin hat die Promotion eine Marketing-Zweck, weil Leute wie Sie (SayTheTruth) glauben, dass jeder Mensch mit Dr-Titel befähigt sei chirurgische Eingriffe zu vollführen. Ich habe da schon die witzigsten Geschichten gehört. Es mag sich abgedroschen anhören, aber gerade Medizinfakultäten sind extrem "effizient", um methodisch (und rechtlich) "Fail-Safe" Promotionsstudien Ihren Medizinabsolventen anzubieten. Aber Nein, ein Chirurg, Algemeinmediziner und selbst ein Facharzt wird nicht handwerklich besser sein, weil er/sie mal eine Promotion über exotische Viren schrieb, die komplett unrelevant für 99,99999999...9999...999% der Erdenbewohner ist.

    Ich habe eine nahen Verwandten, der in der medizinischen Forschung arbeitet (Ausland). Der hat "nur" einen Master-Titel in Chemie und Molekularbiologie gemacht, und hat schon mehr Wirkstoffe und Therapien in seiner Berufskarriere entwickelt, wobei Hunderttausende Hausärzte mit Dr-Titel noch nichtmal an 1 solcher Innovation kratzen würden. Ich habe Ihn mal gefragt warum er sich keinen Dr-Titel einfach "abholt"? Aber wieso auch? Erstens, darf er das beste Zeug nicht publizieren, stattdessen steht sein Namen auf diversen Patenten, er bekommt ein fürstliches Gehalt, und er ist auch so in der internationalen "Scientific Community" angekommen.

    Lieber SayTheTruth, ein Dr-Titel ist nur der formale Nachweis, dass eine Person erlernt hat (1) selbstständig (2) wissenschaftlich zu Arbeiten, wobei natürlich (3) die Hoffnung besteht, dass diese Person (1) und (2) in seinen zukünftigen Leben auch tut. Gemessen wird man an (3)

  • wer suchet der findet

    http://www.4shared.com/document/dTHTXgKK/AM_Disspdf.html

    Bei Frau Merkel haben die Plagiatsjäger garnicht wirklich anegfangen zu suchen, weil es Indizien für eine ordnungsgemäße absehbar sind:

    (1) Vor dem Erstellen der Monographie (aka "Doktorarbeit") hat Frau Merkel in diversen Fachzeitschriften publiziert, wo bereits an den Überschriften ein systematisches Forschungsrahmenwerk zu erkennen ist.
    (2) Ebenso konnten Frau Merkel die Ergebnisse ihrer Promotion (also danach) in diversen Fachzeitschriften platzieren, was zum einen ein sehr starkes Indiz für die Existenzberechtigung Ihrer Erkenntnisse als auch eines bestimmten Neuheitsgrad Ihrer Erkenntnisse interpretiert werden kann.
    (3) In der Diss wird schnell erkennbar, dass Frau Merkel sich garnicht auf "Niederungen" einlässt aus allgemeinen "Büchern" zu zitieren, sondern direkt aus Fachzeitschriftsartikel (wo es immer um 1 konkreten Erkenntnisfetzel geht; Oder "man" zitiert keinen trivialen Müll, Nein, "man" erwähnt diesen noch nicht mal. Es wird ein Mindestniveau beim Leser impliziert). Es gibt auch Abstriche beim Zitieren, z.B. erwartet kein Leser das Newton aus dem 17.Jhd (aus dem lateinischen) zitiert wird, sodass bestimmte naturwissenschaftl. Effekte bereits, grammatikalisch, als Eigenworte zu nennen sind (Das hat Frau Merkel auch explizit gemacht; Wie gesagt muss man in MINT Fächer nicht bis in letztes Detail erläutern warum 1+1=2 ist).
    (4) Frau Merkel präsentiert diviserse Versuchsaufbauten in Ihrer Diss (empirische Arbeiten), wo aus der Sache selbst her viel Eigenleistungen geliefert wird.

    Das sind alles nur Indizien, ohne dass ich diese Arbeit überhaupt gelesen haben. Es liegt die Vermutung nahe, dass Frau Merkels Diss nur über fachliche Mängel im Kontext der 80er Jahre im Warschauer Pakt (im Gegensatz zu Schavans "faulen Schlampereien" oder gar Guttenberg'schen "Betrügereien") anfechtbar wären. Das ist ein Unterschied wie zwischen Champions League und Kreisklasse.

  • Moderne Dissertation: ein Karriere-Turbo oder ein nur eine Illusion?
    Ich denke, dass die Frage anders gestellt werden soll: was kann heute eine Karriere beschleunigen und wie. Liegt es wirklich an der Dissertation oder spielen andere Faktoren eine (wichtigere)Rolle? Und wie verhält sich das zu den Veränderungen, die wir jetzt in vielen Bereichen unseres Lebens beobachten. Es sieht eigentlich aus, als ob die ganze Wissenschaft ein totales Makeover benötige, das in erster Linie Aufmerksamkeit für Normen und Werte in der Wissenschaft auf die Tagesordnung bringen würde. Was sind unsere Werte als (zukünftige) Wissenschaftler? Wie steht es mit dem ewig dauernden Spannungsfeld zwischen Macht und Wissenschaft in der Digitalwelt? Oder konkreter formuliert: Kommt die Wissenschaft auch in“ Aufrufkultur“ zurecht, auch wenn es hier anders genannt wird und in Subventionen und Ernennungen verhüllt ist? Wie lange herrscht noch die Kultur einer Dissertation, die in der Wirklichkeit nur kontrolliert, ob Sie das „Handwerk“ eines Wissenschaftlers beherrschen und das mit allen Beweisen, die noch aus der Zeit vor Web-Entwicklung stammen. Steht in der heutigen Wissenschaft kein Inhalt mehr im Mittelpunkt, und werden mit der Siegel „wissenschaftstauglich “ sozial erwünschte und schöne Inhalte geschickt, wodurch eigentlich sehr viele Möglichkeiten für die konventionelle Ideologie bleiben. Haben Sie je eine Dissertation gesehen, worin die Gedanken des betreuenden Professors zugrunde gerichtet würden? Kann man denn solch eine Dissertation überhaupt als Beschleuniger einer Karriere betrachten? Wie steht es denn mit den Normen und Werten? Kann man- wenn man darüber nachdenkt- jede Dissertation wirklich einen Karriere-Turbo nennen?
    Authentizität und Glaubwürdigkeit sind für mich persönlich in der Wissenschaft sowie in der Wirtschaft ausschlaggebend. Welchen Einfluss wird das Web konkret darauf ausüben? Sind Sie bereit, um ein Gespräch darüber zu beginnen?

  • Wenn Bewerber nach Titeln jagen und Recruiter nach Titelträgern, dann ist es Zeit, sich über neue Auswahlkriterien Gedanken zu machen. Allerdings macht es Mühe und erfordert Mut, sich ein eigenes Urteil zu bilden, anstatt sich dem "summa cum laude" anzuschließen.

  • Ich mußte als Frau damals den Dr machen, um den gleichen Job zu bekommen wie meine nicht-promovierten Kollegen. Auch schloss ich eine Uni-Karriere damals nicht aus. Dann habe ich mir nach dem Motto wenn schon - denn schon ein anspruchsvolles Thema ausgesucht und die Zeit wissenschaftlichen Arbeitens auch sehr genossen, die auch ich nicht missen möchte. Finanziell liegen meine nicht-promovierten Kollegen unverändert vor mir...

  • Ich habe den Dr. Titel. Dr. rer. nat. Finanziell hat er null gebracht, eher im Gegenteil. Alle denken, mit dem Dr. bist du automatisch reich. Es waren diesbezüglich 4 verlorene Jahre, die ich auch nicht wieder aufholen kann. Allerdings war das wissenschaftliche Arbeiten und der Kontakt mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt eine Erfahrung, die mit Geld nicht aufzuwiegen ist. Geld ist nicht alles. Die Promotionszeit war die schönste Zeit in meinem Leben. Ich würde es wieder so machen.

  • Wenn Anette jetzt gerade über das Thema stolpert, ist das nur gerecht. Schließlich hat sie lange genug die Verantwortung für die unsägliche Entwicklung bei den Promotionen getragen -als Bildungstante der Regierung(en).
    Was man heute alles für einen "Käse" studieren -und darin in der Konsequenz auch promovieren kann, ist einfach unglaublich.
    Ich ziehe vor jedem Dr. Ing oder Dr. Jur. den Hut. Aber schon bei den Naturwissenschaften fängt es an: Physik, Chemie oder Biologie ist ja nur nur noch mit einem (Schmalspur)Doktor was wert. Der Gipfel allerdings sind die Medizin-Doktoren und Doktorinnen: Was hier teilweise zum Doktor reicht, ist hanebüchend. Wo uns die (hohen) Wissenschaften der BWL und VWL hinführen, können wir tag täglich in den Medien lesen... . Über Promotionen in Erziehungswissenschaften (Schavan), Politik, Philosophie, (Sozial)pädagogik will ich mich an dieser Stelle lieber erst gar nicht auslassen.

  • Der Doktortitel wird mittlerweile genauso inflationär wie der Friedensnobelpreis.

  • Wenn wir hierzulande mal dieser Stellungnahme:
    http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a18/anhoerungen/Qualit__t_wissenschaftlicher_Arbeiten/ADrs_17_18_211a.pdf
    folgen würden, wäre vieles einfacher. Was da steht, könnte helfen.
    Ggf. eine Petition druas machen?

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