Psychologe erklärt Motive für Suizid
„Unsere Arbeitswelt muss menschlicher werden“

Götz Mundle ist ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken, die sich auf die Behandlung von depressiven Führungskräften spezialisiert haben. Im Interview spricht er über die schwierige Situation von Topmanagern.
  • 4

Der verstorbene Swisscom-Chef Carsten Schloter hat vor kurzem in einem Interview erzählt, dass er ein Getriebener ist. „Es kommt irgendwann ein Punkt, wo Sie das Gefühl bekommen, nur noch von einer Verpflichtung zur nächsten zu rennen. Das schnürt Ihnen die Kehle zu.“ Zwei Monate später ist er tot. Diese Aussagen erscheinen nach seinem Suizid nun in einem anderen Licht – hätten sie ein Warnsignal sein können?

Überforderung, Getriebensein, Schlaflosigkeit: das sind ganz typische Warnsignale. Ich kenne den Einzelfall jetzt nicht, aber diese privaten Äußerungen gegenüber der Presse könnten darauf hinweisen, dass sich hier infolge von Überforderung eine Depression entwickelt hat. Was keiner weiß ist, ob sich Herr Schloter nicht schon bereits Hilfe gesucht hatte.

Woran erkennt man depressive und selbstmordgefährdete Menschen?

Meistens ziehen sich die Menschen zurück oder entwickeln eine unpersönliche perfekte Fassade. Die Menschen werden von dem Gefühl beherrscht Anforderungen an sich selbst und andere nicht mehr erfüllen zu können und daher nichts mehr wert zu sein. Das kann sich so sehr zuspitzen, dass ein Mensch glaubt, er habe nicht mehr das Recht, weiter zu leben und als einzigen Ausweg den Suizid sieht, manchmal leider auch umsetzt. Das ist die tragische Eskalation, die aus kleinen Überforderungssituationen resultieren kann.

Was treibt Manager und Führungskräfte in den Selbstmord?

Führungskräfte befinden sich immer in einem besonderen Spannungsverhältnis. Sie haben gelernt, mit schwierigen und stressigen Situationen im Arbeitsalltag umzugehen. Allerdings müssen sie aber immer auch Lösungen präsentieren und kompetent sein. Überfordert sein oder eine Schwäche haben, das sind Dinge, die ein Chef schwer zeigen kann. Daraus entsteht eine innere Zerrissenheit, die eine Depression auslösen oder verschärfen kann.

Welche Rolle spielt dabei das Thema Anerkennung?

Wer in einer Führungsposition erfolgreich sein will, will anerkannt werden. Er will Vorbild sein, alles perfekt machen, freundlich und präsent sein. Schwäche zu zeigen passt nicht, die Scham über Fehler oder eigene Unsicherheiten zu sprechen ist extrem groß. Daher ist es enorm wichtig, dass neben dem Beruf ein privates Umfeld existiert, in dem man Mensch sein und seine emotionale Seite zeigen darf. Wenn das allerdings wegfällt, beispielsweise durch eine Scheidung vom Ehepartner, dann wird es schwierig. Das kann bei dem Betroffenen in letzter Konsequenz zu einer Anhäufung an negativen Emotionen und Befürchtungen  führen, aus denen der Einzelne keinen Ausweg mehr sieht.

Welche Wege gibt es aus der Sackgasse?

Führungspositionen sind leider einsame Positionen. Aber der Mensch braucht einen Ansprechpartner, wenn er persönliche Probleme hat. Das ist häufig gerade auf höchsten Ebenen nicht mehr gegeben. Familie, Freunde oder auch Vertraute im Büro sind hier entscheidend, denn die menschliche Seite einer Führungskraft muss Platz und Raum haben.

Depressionen oder Sucht sind auf der Führungsetage aber ein großes Tabuthema!

Götz Mundle: Therapie wird nicht im Arbeitsumfeld durchgeführt, sondern im Rahmen beim Arzt und  Therapeuten. Aber natürlich muss man hier die Forderung stellen, dass unsere Arbeitswelt menschlicher werden muss. Es sollte nicht immer nur um fachliche, sondern in Zukunft mehr auch um emotionale Kompetenz gehen. Und zwar mit dem Ziel, dass nicht nur der Profit im Vordergrund steht, sondern auch eine gesunde Arbeitsumgebung und die Ressource Mensch.

Was ist wichtig für Betroffen, damit sie wieder gesund werden können?

Zuerst muss bei einer Depression ein Psychiater oder Psychotherapeut aufgesucht werden. In der Therapie müssen die Betroffenen erlernen, wie sie mit ihrer Erkrankung, sich, selbst, ihrem Arbeitsalltag und ihrer Familie so umgehen können, dass wieder eine Lebendigkeit da ist. Und zwar so, dass sie sich nicht mehr nur Getriebener von ausschließlich Ergebnissen, Zielen und Zahlen sind und wie eine Maschine funktionieren, sondern wieder Gestaltungsspielräume haben. Der allererste Schritt aus der Krise ist immer, aus der Isolation heraustreten und Hilfe annehmen. Ist dieser Punkt erreicht, dann ist der Patient einen großen Schritt weiter.

Carina Kontio ist Redakteurin im Ressort Unternehmen & Märkte.
Carina Kontio
Handelsblatt / Redakteurin Unternehmen

Kommentare zu " Psychologe erklärt Motive für Suizid: „Unsere Arbeitswelt muss menschlicher werden“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Topmanager sind in der Regel weniger fehlbelastet, als Mitarbeiter auf den darunter liegenden Führungsebenen. Ein Unternehmen hat auch gegenüber diesen Führungskräften Fürsorgepflichten. Sehr schwierig sind insbesondere die Führungspositionen auf der untersten Führungsebene. Hier müssen Führungskräfte als Puffer zwischen Mitarbeitern und den leitenden Angestellten herhalten. Was Betriebsräte gerne vergessen: Auch diese Führungskräfte sind Klienten des Betriebsrats und benötigen den ihnen gemäß Arbeitsschutzgesetz zustehenden Schutz vor psychischen Fehlbelastungen. Und weil die Gewerbeaufsichten und die externen Auditoren in diesem Bereich immer noch ziemlich überfordert sind, müssen sich Betriebsräte auch mit dem Schutz von Führungskräften vor psychischen Fehlbelastungen vertrauter machen. -- Goetz Kluge

  • Ich möchte noch auf einen anderen Aspekt hinweisen, der sich aus der Bibel, nämlich 1.Petrus 5,7, ergibt:
    Legt alle eure Sorgen (d.h. quälenden Gedanken) bei Jesus Christus ab, denn er sorgt für euch.

    Mit guten Segenswünschen
    Claus F. Dieterle

  • @ hoffmannM

    Peinlicher abstoßender Beitrag !

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%