Richtig zitieren: Von der Angst, unbewusst zu plagiieren

Richtig zitieren
Von der Angst, unbewusst zu plagiieren

Nach Karl-Theodor zu Guttenberg fürchtet Annette Schavan um ihr Lebenswerk – wegen Abschreibens. Haben sie es nicht besser gewusst? Studenten sind verunsichert. Zwei Experten erklären, worauf beim Zitieren zu achten ist.
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DüsseldorfHandelsblatt Online: An deutschen Unis herrscht Verunsicherung. Immer mehr Studenten und Doktoranden fragen sich, ob sie auch wirklich alles richtig gemacht haben. Sie haben Angst, dass sie unbewusst klauen. Was raten Sie so jemandem?

Debora Weber-Wulff: Wer korrekt gearbeitet hat, gut exzerpiert hat und in eigenen Worte formuliert hat, braucht keine Angst zu haben. Wer aber per Copy & Paste große Brocken hier und da ohne Quellenangabe übernommen hat, könnte unter Umständen ein Problem haben.

Steffen Stock: Die Studierenden und Absolventen sollen sich durch die aktuelle Diskussion nicht verrückt machen lassen. Natürlich ist es notwendig, dass sie sorgfältig arbeiten. Damit meine ich, dass bei der Übernahme von fremden Gedankengut auch die entsprechende Quelle in der Arbeit korrekt aufgeführt wird. Es darf nicht passieren, dass eine Quellenangabe versehentlich aus der Arbeit verschwindet.

Besonders groß ist die Angst davor, dass ein indirektes Zitat ein direktes sein könnte – weil man vielleicht zu viele gleiche Wörter im Satz hat wie der Ideengeber. Was kann man tun, wenn man unsicher ist?

Debora Weber-Wulff: Das ist so gut wie ausgeschlossen. Deutsch ist eine so vielfältige Sprache, es ist extrem unwahrscheinlich, dass jemand über mehr als fünf bis sechs Wörter identisch formuliert, über ganz Seiten schon gar nicht. Auch wenn der Sachverhalt identisch ist – jeder Mensch formuliert leicht anders, setzt andere Schwerpunkten. Meine Studierenden schreiben zum Beispiel für jede Vorlesung eine Zusammenfassung der Inhalte. Ich bekomme 40 komplett unterschiedliche Versionen – bis auf diejenigen, wo Anfang des Semesters noch von Wikipedia abgeschrieben wurde.

Steffen Stock: Solange bei dem indirekten Zitat die korrekte Quelle angegeben ist und dies mal ausnahmsweise vorkommt, könnte es auch als Fehler beim wissenschaftlichen Arbeiten gewertet werden, was zu einem Notenabzug führen könnte. Aber dies lässt sich so pauschal nicht sagen, hier muss der Einzelfall geprüft werden. Wichtig ist, dass bei der Entnahme des Gedankengutes aus der Quelle sehr sorgfältig gearbeitet wird. Diese Sorgfalt, die natürlich Zeit kostet, kann den Studierenden aber die Unsicherheit nehmen.

Ab wann ist eigentlich die Rede vom Plagiat? Macht man sich schon des Betrugs schuldig, wenn man beim Zitieren fremder Gedanken ein, zwei falsche Fußnötchen setzt?

Debora Weber-Wulff: Betrug ist juristisch mit einem geldwerten Vorteil verbunden, es geht höchstens um Täuschung über die Urheberschaft. Ich finde den Begriff „Fußnötchen“ nicht in Ordnung. Man zitiert oder verwendet Fußnoten, um Beweise für unsere Aussagen zu liefern, um zu zeigen, was Kollegen bereits dazu geschrieben haben, um eine Aussage nachvollziehbar zu gestalten, um zu zeigen, dass man mit aktuellen Quellen arbeitet, die auch noch korrekt sind; man zeigt, dass man auch breit recherchiert hat und sich nicht nur auf eine Quelle verlässt – und natürlich als Schutz gegen Plagiatsvorwürfe. Man muss einfach klar stellen: Was ist von mir, was ist von anderen. Beginn und Ende markieren, Referenz setzen, fertig. Wo ist das Problem? Die Aufzählung oben stammt von Jude Carroll, eine englische Forscherin und Beraterin in Sachen Plagiat.

Steffen Stock: Bei zwei falschen Fußnoten wird sicherlich keine Geldstrafe verhängt. Sollte aber jemand eine falsche Versicherung an Eides statt abgeben, droht ihm nach § 156 Strafgesetzbuch (StGB) eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, sofern die eidesstattliche Erklärung im Landeshochschulgesetz festgeschrieben ist. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise können die Hochschulen eine solche Versicherung verlangen. Wer dagegen vorsätzlich verstößt, handelt ordnungswidrig. Für diese Ordnungswidrigkeit kann man eine Geldbuße von bis zu 50.000 Euro auferlegt bekommen.

Wie lernt man denn, korrekt zu zitieren?

Debora Weber-Wulff: Übung! Und Feedback bekommen über eigenes Schreiben. Nur: Wenn in einem Proseminar 100 Studierende oder noch mehr sitzen, dann gibt es zu wenig Feedback. Es gibt auch sehr viele Bücher zum Thema – einfach mal lesen.

Steffen Stock: An vielen Hochschulen werden auch Veranstaltungen zum wissenschaftlichen Arbeiten angeboten, die oft schon in die Curricula eingebunden und auch teilweise verpflichtend sind. Wenn das nicht der Fall ist, sollte man sich nach solchen Veranstaltungen erkundigen, die teilweise von den einzelnen Fachbereichen auch auf freiwilliger Basis angeboten werden. Immer mehr Hochschulen haben aber auch zentrale Einrichtungen, die auch solche Kurse anbieten.

Ein großes Problem für die Studenten ist, dass beinahe jedes Institut und jeder Dozent seine eigenen Zitierregeln hat. Der eine will Flattersatz, der andere Blocksatz, der nächste wieder lieber einen linksbündigen Text. Manche wollen die Zitate als Fußnoten am Seitenende, manche Klammern im Text. Lässt sich das nicht vereinheitlichen?

Debora Weber-Wulff: Das sind nicht Zitierregeln, sondern die Regeln, wie die Quellenangaben und Texte zu gestalten sind. Das sind zwei verschiedene Sachen. Blocksatz hat absolut nichts mit Quellenangaben zu tun. Es muss nicht eine Form für alles geben, die Form ist oft fachspezifisch. Nur innerhalb einer Arbeit oder eines Journals sollte es einheitlich sein.

Steffen Stock: Auf den ersten Blick scheint es wirklich so, als ob jeder seine eigenen Zitierregeln hätte. Jedoch stellt man bei genauerer Prüfung fest, dass es eine Systematik – wenn auch mit unterschiedlichen Varianten – gibt, welche hinter all diesen Regeln steckt. Welche Variante man nimmt, ist strenggenommen egal, solange nicht gegen das Prinzip der Einheitlichkeit verstoßen wird. Damit ist gemeint, dass eine einmal gewählte Variante auch in der ganzen Arbeit konsistent beibehalten werden muss. Ich rate den Studierenden aber immer, sich frühzeitig nach den Anforderungen des jeweiligen Prüfers zu erkundigen und diese nach Möglichkeit umzusetzen. Eine Vereinheitlichung ist schwierig, da es die Freiheit von Forschung und Lehre gibt.

Was kann passieren, wenn man gegen die richtigen Regeln verstößt?

Debora Weber-Wulff: Sanktionen regeln die Prüfungsordnungen der Hochschulen.

Steffen Stock: Solange die wissenschaftlichen Prinzipien einheitlich in der ganzen Arbeit verwendet werden, kann aus meiner Sicht kaum was passieren. Es kann maximal zu einem Notenabzug kommen. Wichtig ist, dass die Einheitlichkeit beachtet wird. Kein Studierender muss Angst vor einem Plagiatsvorwurf haben, solange er die Quellen, aus denen er Gedankengut übernommen hat, korrekt zitiert – unabhängig davon, in welcher Notation dies erfolgt.

Frau Weber-Wulff, Herr Stock, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Weber-Wulff ist Medieninformatikerin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, außerdem gehört sie zum Kernteam von „VroniPlag“, Deutschlands größter Enthüllungsplattform. Die FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis verloren ihre Titel, nachdem „VroniPlag“ deren Doktorarbeiten analysiert hatte.

Steffen Stock ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Europäischen Fachhochschule (EUFH) in Brühl und lehrt dort u.a. auch wissenschaftliches Arbeiten. Er ist Mitherausgeber des Ratgebers „Erfolgreich promovieren“

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