Social Media und der Umgang mit dem Tod
Facebook auf Halbmast

Jedes Jahr sterben 375.000 Facebook-User – doch das Sprechen und Schreiben über den Tod ist im Netz noch immer eine Gratwanderung. Dabei kann die digitale Welt Trauer vereinfachen, sagt die Autorin Lisa Rank.
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Frau Rank, Sie bloggen, twittern, chatten, laden Fotos oder Videos im Internet hoch und sind auch auf Facebook sehr aktiv: Wer hat Zugriff auf Ihre digitalen Identitäten, wenn Ihnen etwas zustößt?

Es gibt einen Zettel, auf dem ich alle meine Passwörter notiert habe. Wo der genau liegt, wissen nur zwei Leute: mein Freund und meine beste Freundin.

Jedes Jahr sterben 375.000 Facebook-User, ihre Profile jedoch nicht unbedingt. Was soll mit Ihren „toten“ Accounts passieren, wenn Sie nicht mehr leben?

Da bin ich ganz uneitel. Ich will, dass meine Freunde damit tun, was für sie gut ist. Wenn es ihnen hilft, meine Profile zu löschen, sollen sie es tun - mir ist das ja dann ohnehin egal. Wenn es ihnen aber wichtig ist, dass mein Profil noch eine Weile existiert und sie dort auch etwas posten oder sich mit anderen Freunden von mir vernetzen können, dann ist das genauso richtig.

Sie leben in Berlin, sind jung, gesund, erfolgreich und beschäftigen sich ganz intensiv mit dem Tod und Trauer – warum so schwerwiegende Themen?

Der Tod ist etwas, das mich im alltäglichen Leben ständig begleitet. Ich musste relativ früh lernen, mit Trauer umzugehen. Dazu kommt, dass in den letzten Jahren mehrere Leute in meinem Umfeld sehr jung gestorben sind. Nun habe ich drei „tote“ Facebook-Kontakte und beobachte, wie diese Themen immer wieder auftauchen und wie verschieden damit umgegangen wird.

Was passiert da genau?

Das ist unterschiedlich. Eines der Profile wird gerade sehr aktiv für Ankündigungen zum Begräbnis, Trauergottesdienst oder für gemeinsame Gedenkstunden genutzt. Dort tauschen Freunde aber auch gemeinsame Erinnerungen aus, lesen noch einmal die letzten geposteten Sachen und nutzen die Pinnwand für Kondolenzen. Unheimlich wird es allerdings, wenn in meinem Newsfeed auftaucht, dass sich gerade einer meiner verstorbenen Kontakte mit jemandem befreundet hat. Eine offenbar noch zu Lebzeiten verschickte Freundschaftsanfrage wurde jetzt erst angenommen. Seltsam ist es auch, wenn man von Facebook daran erinnert wird, jemanden zum Geburtstag zu gratulieren, der schon seit einem Jahr tot ist.

Gemeinsam online trauern: Ist das eine Chance für die persönliche Trauerarbeit?

Ich will das gar nicht als besonders positiv oder negativ bewerten, was die Leute machen. Ich glaube, dass es ihnen ganz unterschiedlich hilft. Fakt ist, dass die Hemmschwelle in einem sozialen Netzwerk gerade für Jüngere oft niedriger ist, um über Tod und Trauer zu sprechen. Es erfordert schließlich weniger Überwindung, etwas auf eine digitale Pinnwand zu schreiben, als irgendwo anzurufen oder zu einer Beerdigung zu gehen.

Kommentare zu " Social Media und der Umgang mit dem Tod: Facebook auf Halbmast"

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  • Wo kann man hier Ihr Kommentar "liken"?
    Jetzt mal ernsthaft - ich bin nicht bei FB und bin stolz darauf!

  • Ja und?

    Dass die Daten für alle frei zugänglich sind, inclusive der werbetreibenden Wirtschaft, Kriminellen und der Mafia, ist doch wohl ehe klar.

    Und dann sollen sich staatliche Stellen in Selbstzensur üben und die Augen schließen??

    Von welchem Planeten kommen Sie denn??

  • EU will Zugriff auf Facebook!

    Durchstöbert die EU bald Facebook-Accounts?

    Einem Papier der EU-Kommission zufolge wird sich eine Expertengruppe mit der Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung beschäftigen.
    Um potenziell Kriminelle auszuforschen, sind bisher ja nur Telefon- und E-Mail-Daten gesammelt worden. Angedacht ist offenbar die Vorratsdatenspeicherung auf Social Networks wie Facebook auszuweiten.

    FDP-Bundestagsabgeordneter Schäffler warnt vor Überwachungsstaat und gläsernem Bürger. Durch immer größere Transparenz wird aus privat öffentlich.

    Schäffler kritisierte in FOCUS: „Das Jugendamt interessiert sich für die Erziehung Ihrer Kinder, die Krankenkasse für Ihre Krankenakte – und bald schon für Ihren Zucker- und Fettkonsum.

    Seit neuestem will die EU Zugriff auf Ihre Daten bei Facebook. Niemand und nichts bleibt unbehelligt.

    Es gibt keine private Entscheidung, die nicht Behörden aus dem Halbschlaf weckt. Aus privat wird öffentlich.

    Der gläserne Bürger kommt, wenn wir uns dem nicht mit aller Kraft und in aller Konsequenz entgegenstellen.“

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