Über die Kraft der Stille(n)
Lizenz zum Leisesein

Small Talk führen, Kontakte knüpfen, Netzwerken: Für introvertierte Menschen das Schlimmste im Job. Sie arbeiten ungern im Rampenlicht. Dabei, findet Coach Sylvia Löhken, sind es gerade die Leisen, die Großes schaffen.
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Handelsblatt: Frau Löhken, wer Karriere machen und es in die Chefetage schaffen will, muss im Arbeitsleben zeigen, was er drauf hat und laut trommeln, damit jeder ihn hört. Ob Büro oder Fabrik: Hier punkten doch immer die extrovertierten Typen. Wie können sich denn die leisen Menschen Gehör verschaffen?

Sylvia Löhken: Erfolgreiche leise Menschen verschaffen sich sehr gut Gehör - sonst wären beispielsweise Angela Merkel, Mark Zuckerberg, Günther Jauch oder Woody Allen nicht dort, wo sie sind. Am besten sind sie, wenn sie das mit ihren eigenen Stärken und Vorlieben tun, die sie von Extrovertierten unterscheiden. Zwei Beispiele: Erstens fühlen sich viele Introvertierte besonders im Gespräch mit einer oder zwei Personen wohl. Das führt im Idealfall zu intensivem Austausch, der sehr viel besser verbindet als eher seichter Small Talk.

Zweitens beobachten leise Menschen gut und hören ausgezeichnet zu, so dass sie die Standpunkte und Bedürfnisse ihrer Gesprächspartner in den Austausch und auch in die eigene Strategie einbeziehen können. Beide Vorteile helfen sehr bei der Verfolgung von karrierebezogenen und anderen Zielen und beim Aufbau guter Kontakte.

In Ihrem Buch „Leise Menschen – starke Wirkung“ schreiben Sie, dass Introvertierte andere Stärken haben, von denen sie oft nichts ahnen. Welche sind das?

Es gibt tatsächlich eine breite Palette starker Seiten, die „Intros“ besonders häufig haben - und ich erwähne sie besonders gern deshalb, weil leise Menschen so oft auf das sehen, was sie nicht oder nicht genug zu haben scheinen! Diese leisen Stärken reichen von Vorsicht, Substanz und Konzentration über das Zuhören, innere Ruhe und analytischem Denken bis hin zu Unabhängigkeit, Beharrlichkeit, Schreiben und Einfühlungsvermögen.

Den Stärken liegen übrigens neurophysiologische Besonderheiten zugrunde, die „Intros“ von „Extros“ unterscheiden.

Als eine der wesentlichen Stärken von Intros beschreiben Sie ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. So arbeitet ein Introvertierter gern allein und in Eigenregie, lädt seine Akkus in der Ruhe auf und schätzt beim Netzwerken eher die Qualität statt die Quantität. Kommt das nicht arrogant rüber bei den Kollegen?

Das kann passieren - muss aber nicht sein. Wer eine grundsätzliche Freundlichkeit und Kollegialität vermittelt, wer ins Team gut integriert oder als Führungskraft geschätzt ist, der bekommt auch Verständnis, wenn er nach dem gemeinsamen Abendessen nicht mehr in die Bar mitkommt.

Genau an solchen Einschätzungen zeigt sich Qualität im professionellen Miteinander ja: an einer positiven Wahrnehmung. Wobei es aus verschiedenen Gründen klug sein kann, ab und zu ganz bewusst doch in die Bar mitzugehen. Das tue ich auch manchmal. Aber eben nicht „serienmäßig“. Und vor allem nicht mit leerem Akku.

Kommentare zu " Über die Kraft der Stille(n): Lizenz zum Leisesein"

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  • Introvertiert, so wäre es auch zu verstehen, bedeutet nicht unbedingt "Faktenhuberei", ohne hier fundiertes Fachwissen abzuqualifizieren.
    Und da wird einer der Schwachpunkte einer vermuteten Bipolarität von Intro- und Extro- erkennbar: die Mischung machts.
    Wissen wann Zeit für den Intro-
    und wann Zeit für den Extro- ist: das ist Balance.


  • Leider war und ist es so, dass meistens die Dummschwätzer Kariere machen. Eine flüssige Rede mit einigen geschickt eingestreuten Fremdwörtern mag noch so inhaltslos sein, sie überzeugt viele Entscheidungsträger, weil selbige auch mit dieser Gabe auf ihren Posten kamen.

  • ZITAT:
    "Worin zeichnen sich die leisen Chefs als Führungskräfte aus?

    Dazu gibt es eine interessante amerikanische Studie (Quelle: Grant, Adam, Gino, Francesca, Hofmann, David (2011). Reversing the Extraverted Leadership Advantage: The Role of Collective Employee Proactivity. In: Academy of Management Journal, 54:3, p. 528-550). Die Ergebnisse zeigen: In Teams, deren Mitglieder Initiative und Eigenverantwortung zeigen, sind die Intro- den Extro-Vorgesetzten deutlich unterlegen. In Teams, in denen dagegen das schnelle, effektive Folgen von Anordnungen zentral ist, gewinnen die Extro-Vorgesetzten.

    Wichtig ist: Menschen, die viel reden und viel Aufmerksamkeit einfordern, sind nicht automatisch gute Führungskräfte - am Ende zählen die Ergebnisse, nicht die erzielte Wirkung auf andere."

    Lach. Manchmal verliert man, manchmal gewinnen die anderen.
    Ist euch nicht aufgefallen, das in BEIDEN Formulierungen die Extros gewinnen ?

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