Work-Drinking-Balance
Alkohol als Stress-Bewältigung

Work-Drinking-Balance statt Work-Life-Balance: Alkohol dient gerade Managern als tagtäglicher Ausweg aus der Stresshölle. Das Trinken kann sogar karrierefördernd sein. Doch die langfristigen Folgen werden verniedlicht.
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DüsseldorfNur selten erfährt man, wie derjenige Tag im Leben eines Trinkers ist, an dem er der Droge abschwört. Wie es zu dem Moment kommt, dem Alkohol zu entsagen. Abschied zu nehmen „von der großen Liebe meines Lebens“. So bezeichnet Daniel Schreiber den Stoff, der ihm unzählige schöne Momente brachte, ihm aber vorübergehend auch die Kontrolle über sein Leben nahm. An diesem Tag, auf der Pferderennbahn in Berlin-Hoppegarten, erkannte er, dass da durch Alkohol „nichts mehr kommen konnte“. Dass dieser Tag an diesem Ort ein schöner Zeitpunkt wäre, um Abschied zu nehmen.

Diese Passage ist die Pointe des aufregenden kleinen Buches mit dem Titel „Nüchtern – über das Trinken und das Glück“. Daniel Schreiber – Journalist, Jahrgang 1977 – hatte zwar in seinen Trinkerjahren nicht den Ansprüchen eines Topmanagers gerecht zu werden, aber funktionieren musste er dennoch. Insofern sind seine Berichte und Vergleiche schon sehr ernst zu nehmen.

Der Autor erklärt unangenehm genau, welche Folgen der übertriebene Alkoholkonsum hat. Und zwar nicht nur die gesundheitlichen, die man auch in der „Apotheken-Umschau“ zu lesen bekommen. Und auch nicht nur die „Spitze des Eisbergs“, also das Trinker oft unberechenbar, gereizt und überkompensierend sind. Sondern auch, dass das Trinken den beruflichen Aufstieg durchaus erleichtern kann – eine Zeit lang zumindest.

Das Kontrollbedürfnis, die Selbstüberschätzung und das laxe Verhältnis zur Wahrheit können vorübergehend karrierefördernd wirken. „Die Verbindung zwischen Arbeit und Trinken ist enger, als viele von uns meinen“, schreibt der Autor. Dabei gelte das Motto: Work hard, play hard. Also auf Deutsch: Wer arbeiten kann, der kann auch feiern. Wenn es schon mit der Work-Life-Balance nicht funktioniert, dann muss wenigstens eine Work-Drinking-Balance her.

Schreiber hat die Erfahrung gemacht, dass gerade in Deutschland der „funktionierende Alkoholiker“ von seinem Team mitgetragen wird: „Er kann sich gut verstecken und sieht sich oft noch nicht einmal der Notwendigkeit ausgesetzt, sein Verhalten als ein Problem anzuerkennen.“ Der Zustand des Rausches sei keinesfalls das Wesentliche, dass die Menschen suchen: „Es hält die Phantasien des Egos aufrecht“, sagt Schreiber. Trinken helfe dabei, die Realität so weit auszublenden, dass man sie ihr ohne größere Schwierigkeiten anpassen könne. Oder anders gesagt: „Die meisten Menschen trinken, um sich zu entspannen.“

Entsprechend sei Stresstrinken nicht die Ausnahme, sondern die Regel des gängigen Trinkverhaltens. Entsprechend unangenehm ist, dass das Abhängigkeitspotenzial von Alkohol erheblich steigt, wenn er als Mittel zu Stressreduktion verwendet wird. Wenn der berufliche Erfolg immer mehr darüber entscheidet, wie viel Anerkennung man als Mensch bekommt, dann hilft Trinken bisweilen entscheidend, um die eigenen Ängste an den Rand des Bewusstseins zu schieben.

So hat es Schreiber auch nicht verwundert, dass fast alle abstinent gewordenen Künstler, Musiker und Autoren in seinem Umfeld in erhebliche Schaffenskrisen stolperten, als sie mit dem Trinken aufhörten. Jedoch arbeiteten sie sich auch alle aus diesen heraus und erreichten nach ein paar Monaten eine Ebene, „die sie nicht für möglich gehalten hätten“.

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Wird heute wirklich mehr getrunken als früher?

Kommentare zu " Work-Drinking-Balance: Alkohol als Stress-Bewältigung"

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  • Krank, einfach nur krank unsere Arbeitswelt.
    Betrifft nicht nur Manager. Quer durchs Gefüge !!!
    Wer sich in seinem Umfeld interessiert umsieht, hört und erkennt nach kurzer Zeit, das die Ursachen dafür beschämend sind.
    Dank der kranken Lobby-Politik !

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