Erivan und Helga Haub
„Man muss auf die Groschen gucken“

Der Tengelmann-Patriarch Erivan Haub und seine Frau Helga haben die Gruppe zum größten Lebensmittel-Filialisten Deutschlands und zu einem weltweit agierenden Unternehmen aufgebaut. Stoff für eine bewegende Ära.
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  • Die Geschichte der Unternehmensgruppe Tengelmann beginnt 1867 mit den Urgroßeltern von Erivan Haub: Der Kaufmann Wilhelm Schmitz und seine Ehefrau Louise, geborene Scholl, gründen in Mülheim an der Ruhr die Schokoladenfabrik Wissoll und bald darauf einen Kolonialwarenhandel. Die Familie, die ihren Namen nicht in der Öffentlichkeit sehen will, trägt die Firma unter dem Namen des Prokuristen, der nichts mit dem Gründer-Clan zu tun hat, ins Handelsregister ein: Emil Tengelmann.
  • Erivan Haub wird am 29. September 1932 als Sohn des Landwirts Erich Haub und seiner Frau Elisabeth Schmitz-Scholl geboren. Im beschaulichen Idstein lebt die kleine Familie auf einem Waldbauernhof und Erivans Mutter Elisabeth führt mit ihrem Bruder Karl das Unternehmen in dritter Generation.

  • Helga Otto wächst mit ihren Eltern Irma und Rudolf Otto sowie drei Geschwistern im südbadischen Emmendingen und Hinterzarten (Schwarzwald) auf. Nach dem Abitur schreibt sie sich in Hamburg für Wirtschaftswissenschaften ein – damals ein Fach, in dem Frauen noch eine Rarität sind.

  • Nach seinem Abitur macht der junge Erivan Haub eine Lehre als Großhandelskaufmann in den USA, studiert in Hamburg und Mainz Volkswirtschaftslehre, volontiert bei Banken – unter anderem bei der Commerzbank – und in der Immobilienbranche, ehe sich 1963 ein Platz bei Tengelmann in Wiesbaden für ihn findet.

  • 1958 heiratet der Amerika-Fan die Diplomkauffrau Helga Otto, die der Weinliebhaber mit einem Chambolle-Musigny erobert haben soll. Als in den fünfziger Jahren der Kalte Krieg zu eskalieren droht, schafft sich die Familie ein zweites Zuhause in Tacoma bei Seattle an der Westküste; hier kommen zwischen 1960 und 1964 alle drei Söhne, Karl-Erivan, Georg und Christian, zur Welt. In Wyoming kaufen die Haubs außerdem eine 2400 Hektar große Ranch mit 400 Bisons, wo sich die Familie bis heute einmal im Jahr trifft.

  • Erivans Mutter Elisabeth, die eine große Naturliebhaberin ist, gründet anlässlich des 100. Geburtstages ihres Vaters im Jahr 1968 den Karl-Schmitz-Scholl-Fonds. Damit stellt sie die Weichen für das ausgedehnte Umweltengagement der Tengelmann-Gruppe, das fortan das Bild in der Öffentlichkeit bestimmt. Auch Helga Haub liegen Umwelt und Natur am Herzen – in den USA und in Kanada ruft sie weitere Stiftungen ins Leben.

  • Berühmt wird 1984 die erste Initiative, mit der Schildkrötensuppen und Froschschenkel aus dem Sortiment fliegen. Es folgen Aktionen gegen Einweg-Plastikflaschen, phosphathaltige Waschmittel und FCKW-haltige Sprays. Das in der Tengelmann-Gruppe entwickelte Bild vom Frosch und der Schildkröte wird zu einem der bekanntesten Umweltzeichen.

  • Nach dem plötzlichen Tod seines Onkels Karl, der 1933 die Leitung der Tengelmann-Gruppe übernommen hatte, tritt Erivan Haub 1969 als alleiniger Geschäftsführer dessen Nachfolge an. Der Volkswirt beginnt mit der gezielten Expansion durch die Übernahme mehrerer Handelsketten und baut den überschaubaren Betrieb in den folgenden Jahrzehnten zu einem der weltweit größten Handelsunternehmen aus. Bis heute sind mit dem Namen Haub große Marken verbunden: allen voran die Tengelmann-Supermärkte, aber auch die Obi-Baumärkte, die Textilkette Kik und der Lebensmitteldiscounter Plus.

  • Früh erfahren die drei Söhne von Erivan und Helga, was es bedeutet, im Handel zu arbeiten. In den Ferien jobben Karl-Erivan, Georg und Christian in der Firma und vor Weihnachten helfen sie in den Geschäften aus. Helga Haub rahmt den ersten verdienten Zehnmarkschein ihres Sohnes Karl-Erivan für ihn ein. Das simple Erfolgsgeheimnis von Erivan Haub: „Man muss auf die Groschen gucken.“

  • In den 1970er und 1980er Jahren, als es immer nur aufwärts geht und man im Handel gar nichts falsch machen kann, kauft der Patriarch unablässig zu und wird dabei sehr wohlhabend. Als die öffentlichkeitsscheue Familie in den achtziger Jahren erstmals in der berühmten „Forbes“-Liste unter den Reichsten dieser Welt auftaucht, herrscht Bestürzung. Aus Sicherheitsgründen leben die Milliardäre damals in einer Dachgeschosswohnung über ihrer Mühlheimer Konzernzentrale und unterhalten einen eigenen Personenschutz. Inzwischen leben die Haubs neben ihrer zweiten Heimat in den USA vorwiegend in Wiesbaden; ihr Vermögen wird auf vier Milliarden Euro geschätzt.

  • Gegenüber seinen Mitarbeitern hat Erivan Haub immer eine fürsorgliche Haltung, was ihm hoch angerechnet wird. 1991 führt er die 4/5-Tage-Woche ein, wonach sich für die Belegschaft Arbeitswochen mit vier oder fünf Arbeitstagen abwechseln. Bei allen Entscheidungen die Erivan Haub trifft, spielt er nicht mit ihren Arbeitsplätzen. Er ist kein kühler Krisenmanager, der im großen Stil Filialen schließt. Auch dann nicht, als das Imperium Ende der 90er Jahre vor dem Untergang steht, weil Haub sich finanziell übernommen und mit über 20 Geschäftsfeldern verzettelt hat. Statt dessen schießt er aus seinem Privatvermögen über 500 Millionen Euro ein.

  • Im Jahr 2000 zieht sich Erivan Haub operativ aus dem Konzern zurück, bleibt aber Beirats-Präsident. Die schmerzhafte Restrukturierung legt er weitgehend in die Hände der nächsten Generation. Karl-Erivan Haub ist verantwortlich für das Europa-Geschäft, Christian Haub für die US-Kette A&P, Georg Haub kümmert sich um die Immobilien. 2002 übergibt Haub offiziell die Geschäftsführung an seine Söhne. Der Generationswechsel kommt gerade noch rechtzeitig. Ende 2003 kehrt die Gruppe, die sich fortan auf wenige Geschäftsfelder konzentriert, in die Normalität zurück und verdient wieder Geld.

  • In Amerika sorgt Helga Haub 2008 für einen Sensationserfolg. Gegen viel Widerstand setzt die agile Frau durch, dass Recycling-Müllsäcke und -einkaufsbeutel für 99 US-Cent angeboten werden – die Amerikaner, die traditionell eher wenig Sinn für den Umweltschutz haben, sind begeistert.

  • Erivan Haub, der in seiner Freizeit alte Taschenuhren, Messer und Briefmarken sammelt, behält noch bis zum Jahreswechsel den Vorsitz im fünfköpfigen Beirat, der die Geschäftsführung kontrolliert und berät. Danach will er sich vollständig ins Privatleben zurückziehen. Dazu gehört auch ein Hunderte Jahre altes Öko-Weingut am Kaiserstuhl im badischen Bischoffingen, dass die Haubs bewirtschaften. Jährlich werden hier 140.000 erstklassige Flaschen Biowein hergestellt.
Carina Kontio ist Redakteurin im Ressort Unternehmen & Märkte.
Carina Kontio
Handelsblatt / Redakteurin Unternehmen

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  • Haub sen.ein Mann mit Ehre. Haub jun.sollte sich ne scheibe abschneiden

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