Angelique Renkhoff-Mücke Die Schatten-Springerin

Seit 20 Jahren führt die Unternehmerin in zweiter Generation den Sonnenschutzspezialisten Warema. Sie weiß, wie es gelingt, selbst einen äußerst erfolgreichen Patriarchen zu übertrumpfen.
Kommentieren
Angelique Renkhoff-Mücke hat den Warema-Umsatz mehr als verdoppelt. Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
Warema-Chefin

Angelique Renkhoff-Mücke hat den Warema-Umsatz mehr als verdoppelt.

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

MarktheidenfeldEs sind die Kleinigkeiten, die bei Warema dennoch direkt auffallen. Besucher werden schon am Parkplatz mit Namen begrüßt. Es führt ein sehr schmaler, sehr langer und sehr rot gestrichener Gang zum Büro der Firmenchefin. Ihr Schreibtisch steht vor einer dunkelrot gestrichenen Wand. Auch die Warnwesten, die jeder tragen muss, wenn er sich in den Produktionshallen bewegt, sind weder neongelb, noch neonorange, sie sind in warmem Rot gehalten. Die Mitarbeiter, denen Angelique Renkhoff-Mücke bei ihrer Führung durch das Unternehmen begegnet, sind weder aufgeregt noch besonders ehrerbietig. Respekt und auch ein winziges bisschen Distanz sind wahrnehmbar.

Grob betrachtet, ist Renkhoff-Mücke eine Nachfolgerin, die das vom Vater gegründete Unternehmen übernommen hat. Das war vor 20 Jahren schon eine kleine Sensation, in Marktheidenfeld. In der Branche und überhaupt im deutschen Mittelstand. Schaut man genauer hin, so erkennt man den Kraftakt, der dahintersteckt, „in einer männerdominierten Branche“ in einem von einem Patriarchen dominierten Unternehmen plötzlich an der Spitze zu stehen. Sie sagt: „Ich musste als Frau meine Rolle finden und durfte nicht den Vater kopieren.“

Die Firmengeschichte in Bildern
Wo alles begann...
1 von 21

Begonnen hat alles in einem alten Pferdestall im unterfränkischen Marktheidenfeld, wo das Unternehmen im Jahr 1955 von Karl-Friedrich Wagner und Hans-Wilhelm Renkhoff. gegründet wurde. Bei dem Bild handelt es sich leider nicht um den Pferdestall, davon existiert kein Bild. Es ist aber eins der ersten angemieteten Gebäude in Marktheidenfeld, das für den Betrieb genutzt wurde.

Hans-Wilhelm Renkhoff
2 von 21

Die Unternehmer bieten Leichtmetall-Jalousien an. Der Namen Warema setzt sich aus den beiden Nachnamen und dem Standort zusammen: Wagner, Renkhoff und Marktheidenfeld.

Das Unternehmen wächst schnell
3 von 21

Am Anfang sind es fünf Mitarbeiter, bald schon 13, der alte Pferdestall wird zu klein für das schnell wachsende Unternehmen. Die Bilanz des ersten Jahres: Der Umsatz liegt bei 70.000 DM.

1958
4 von 21

Warema wächst, beschäftigt 45 Mitarbeiter, der Jahresumsatz des Unternehmens übersteigt erstmals die Millionengrenze. Und das Unternehmen wird hart getroffen als Mitgründer Karl-Friedrich Wagner im Sommer auf einer Dienstreise tödlich verunglückt. Hans-Wilhelm Renkhoff (im Bild) übernimmt die Firmenleitung.

1961-1965
5 von 21

Das Unternehmen zieht 1961 an den heutigen Standort in Marktheidenfeld am Äußeren Ring. Seither vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht Erweiterungen oder Anbauten nötig sind. Zum zehnjährigen Jubiläum im Jahr 1965 feiert Warema in der Kantine. Mit 291 Mitarbeitern setzt das Unternehmen knapp 14 Millionen DM um.

1970er
6 von 21

Warema erweiterte seine Produktpalette: Markisen, Vertikal-Jalousien und Verdunkelungsanlagen. Weil es nicht alle dafür benötigten Bauteile auf dem Markt zu kaufen gibt, beginnt Warema Kunststoffteile und Steuerungskomponenten sowie Spezialmaschinen und -werkzeuge selbst herzustellen.

25 Jahre Warema
7 von 21

Zum 25. Firmenjubiläum im Jahr 1980 beschäftigt Warema mehr als 780 Mitarbeiter und setzt knapp 92 Millionen DM um. Ein Jahr später erhält Hans-Wilhelm Renkhoff das Bundesverdienstkreuz.

Zwar waren die Mitarbeiter glücklich, dass mit Angelique eine der vier Töchter aus der Familie die Nachfolge des damals – 1998 – erkrankten Gründers antrat. Das Management hingegen reagierte zurückhaltend, wie sie es selbst sehr diplomatisch beschreibt. Unternehmenskenner dagegen sehen durchaus ihren klugen, weil zunächst zurückhaltenden Eroberungserfolg – manche sprechen allerdings auch von einem „Machtkampf“ und von ihrem nachhaltigen Sieg.

Angelique Renkhoff-Mücke ist so erfolgreich, dass sie ihren Vater Hans-Wilhelm Renkhoff, den Unternehmensgründer längst übertrumpft hat. Als sie antrat, setzte der Spezialist für Außenjalousien, Markisen und Rollläden 330 Millionen DM um, 2016 waren es 446 Millionen Euro. Zuletzt wuchs das Unternehmen um sechs Prozent. Zu den Gewinnen sagt sie nichts. Laut Bundesanzeiger hat sich der Bilanzgewinn allerdings auf mehr als zehn Millionen Euro verdoppelt.

Nun schickt sich die frühere Springreiterin gerade an, erneut über einen Schatten zu springen. Sie will Unternehmen und Mitarbeiter in eine neue Zeit führen. Sie hat auch in Krisenzeiten – wie ihr Vater – keine Mitarbeiter entlassen. Als es zum Beispiel 2005 Absatzprobleme gab, unterschrieben ihre Mitarbeiter persönlich eine Vereinbarung, dass sie drei Stunden länger arbeiten – fürs gleiche Geld.

 Nun will sie alle 3.500 Mitarbeiter an den Produktionsstandorten Marktheidenfeld, im sächsischen Limbach-Oberfrohna, in Lübeck, den Niederlanden, Ungarn, Tschechien und China sowie in den Service- und Vertriebsgesellschaften in der Welt mitnehmen in die digitale Zukunft. „Die spannendste und herausforderndste Aufgabe ist es, das Unternehmen für die Zukunft bereit zu machen, weil man über den eigenen Schatten springen muss.“

Die Unternehmerin, die am 19. Januar ihren 55. Geburtstag feiern wird, sagt ganz offen, dass sie nicht weiß, wie das Unternehmen 2030 aussehen wird. Was sie aber weiß: wie sie ihr Unternehmen agiler, flexibler und noch kundenorientierter aufstellt. Sie hat durchdrungen, wie die Digitalisierung Geschäftsmodelle und Unternehmensführung verändert. „Viele Unternehmer sprechen darüber, dass sie gern kritische Meinungen um sich versammeln, sie tut es wirklich und glaubhaft“, sagt Aufsichtsratsmitglied, Manfred Neubert, der frühere Chef von SKF in Schweinfurt. Dabei will sie die Werte, die ihr Vater einst für sich reklamierte, bewahren: nah am Markt sein, auf jeden Fall den Stammsitz und die Wertschöpfung in Deutschland halten, bankenunabhängig bleiben, weiter wachsen und keine Mitarbeiter entlassen müssen.

Das erfordert viel Umdenken, Einbinden, Sorgen-Nehmen, aber auch viel mehr interne Kommunikation. Gespräche darüber, wohin sie mit dem Unternehmen will, und warum vielleicht der eine oder andere Arbeitsplatz künftig wegfallen wird und an anderer Stelle ein neuer entsteht. Sie will die Zukunft der Sonnenlichtmanager, denn so sollten sich alle Mitarbeiter fühlen, verständlich rüberbringen. Sie will nicht nur das Management überzeugen, auch die anderen Mitarbeiter. Das macht sie anders als ihr Vater, wie so vieles andere auch.

„Mein Vater ging immer voran, die anderen hinterher“, sagt sie. Sie dagegen versuche, erst einmal ihre Führungskollegen zu überzeugen, um dann mit mehr Kraft gemeinsam voranzuschreiten. Vor drei, vier Jahren sagten die Mitarbeiter im Führungskreis: Was hat sie jetzt schon wieder ausgedacht, erinnert sie sich. Heute seien sie offen für Veränderungen. „Das ist manchmal etwas anstrengender aufgrund meiner Ungeduld“, sagt sie mit leicht fränkischer Sprachfärbung: „Dann aber umso kraftvoller und erfolgreicher.“ Mit Nachdruck fügt sie hinzu: „Und es ist mein Weg.“

Um diesen Weg besser zu verstehen, muss man einige Jahre zurückschauen. 1955 gründen Karl-Friedrich Wagner und Hans-Wilhelm Renkhoff in einem Pferdestall in Marktheidenfeld – daher der Name Warema – ihr Unternehmen mit fünf Mitarbeitern. Selbst produzierte Leichtmetall-Jalousien laden sie auf ihre Fahrräder und verkaufen sie. Bereits im ersten Jahr setzen die Gründer 70.000 DM um, drei Jahre später erreichen sie bereits einen Umsatz von einer Million DM. Doch im Sommer 1958 verunglückt Mitgründer Wagner tödlich bei einer Dienstreise. Renkhoff zögert nicht, übernimmt die komplette Firmenleitung. Und das Unternehmen wächst stetig weiter, zieht schließlich ganz aus der Stadt heraus. Die Nachfrage steigt. Der Fachhandel honoriert es.

In den 1970er-Jahren beginnt Warema damit, immer mehr Bauteile, aber auch Spezialmaschinen und -werkzeuge selbst herzustellen. Und die Farbe 1008 im Warema-Sortiment wird zu einem der vielen Bestseller. Der orange-braun-gestreifte Markisenstoff wird ein Klassiker. „Jedes Jahr überlegen wir, ob wir den Stoff nicht doch mal ausmustern“, sagt Renkhoff-Mücke schmunzelnd, doch wenn die Leute es noch mögen, liefern wir natürlich.“ Sie ist nicht nur mit diesem Stoff aufgewachsen, mit der ganzen Firma ist sie schon zu dieser Zeit eng verbunden. Auf den Firmen-Weihnachtsfeiern trägt sie Gedichte vor. Ihre eigenen Kinder müssen zwar nicht mehr vortragen, aber bei den Weihnachtsfeiern präsent sein. „Da mussten sie sich dann eben mal neben der Mama langweilen“, sagt Renkhoff-Mücke, ganz Familienunternehmerin.

Angelique Renkhoff-Mücke studiert nach einer Banklehre BWL an den Fachhochschulen Schweinfurt-Würzburg und München. Und sie geht erst einmal fort – ganz bewusst. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann zieht sie nach Kulmbach, arbeitet in seinem großen Einzelhandelsunternehmen „Schuh & Sport Mücke“ in der Geschäftsführung und verantwortet Einkauf und Personal, ihre beiden Kinder werden 1991 und 1993 geboren. Sie ist erst einmal raus bei Warema. Zehn Jahre lang. Dann wird ihr Vater krank.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
An der Spitze der Arbeitgeber
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Angelique Renkhoff-Mücke - Die Schatten-Springerin

0 Kommentare zu "Angelique Renkhoff-Mücke: Die Schatten-Springerin"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%