Der Moderne Mann
Alter, weißer Mann, was nun?

Herr K. fühlt sich ignoriert – im Ikea-Katalog findet er als deutscher Durchschnittsmann nicht mehr statt. Dabei ist der reale Möbelmarkt voll von Männern wie ihm. Natürlich im wesentlichen als „Knagglig“-Stemmer.
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Bis vor kurzem dachte Herr K., dass er so etwas wie durchschnittlichster deutscher Durchschnitt sei: Mitte 40, weiß, Mainstream. Am Wochenende ist zum Beispiel seine nächstgelegene Ikea-Filiale voller Männer wie ihm. Sie schieben den Einkaufswagen hinter ihren Frauen her und wuchten klaglos Dutzende von Plunder-Kisten namens „Knagglig“ aufs Kassenband. Komisch ist nur, dass Typen wie Herr K. im neuen Ikea-Katalog kaum noch vorkommen.

Schon das Cover wirkt wie das Ensemble einer Til-Schweiger-Komödie rund um ein großes Integrations-Happy End. So in der Art: Der Cem entdeckt endlich seine Liebe zu Selin, was wir aber vor allem der Weisheit der mütterlichen Nadifa verdanken, die sicher Sozialtherapeutin ist. Cem macht irgendwas mit Medien und Selin auf dem zweiten Bildungsweg gerade Abi. Vorn mit dem Rücken zum Ikea-Katalog-Kunden sitzt noch eine blonde Dörte, die wahrscheinlich geschieden ist und alle zum Essen eingeladen hat, weil ihr sonst die Decke auf den Kopf fällt.

Der erste Mensch aus der sozio-demografischen Schublade von Herrn K. ist auf Seite 51 der grauhaarige Lennie Malmgren. Er ist „Product Developer“ bei Ikea und findet sich unter dem Messer-Set Småbit. Tja. Was will Ikea Herrn K. damit sagen? Dass der schwedische Konzern Deutschland bereits so bunt erlebt? Oder muss der Katalog einfach in Paderborn genauso funktionieren wie in Huangdong, Bagdad und Mogadischu? Oder warnt Ikea: Hey, alter, weißer Mann ... deine Zeit geht zu Ende!

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat diesen „alten, weißen Mann“ kürzlich rührend zu verteidigen versucht. Aber das Klischee ist stärker, das Klischee vom knochenkonservativen Besitzstandswahrer, blökenden Trump- oder AfD-Wähler, ein Risiko für Demokratie, Diversity und überhaupt. Dabei zahlt Herr K. artig TV-Gebühren, trennt den Müll und neigt nicht zu Selbstmordanschlägen wie weniger weiße, aber eher junge Männer. Er hat auch nichts gegen das Ethnien-Bingo im Ikea-Katalog. Es irritiert ihn nur, dass Typen wie er so offensiv marginalisiert werden. Oder ist das nur die Überempfindlichkeit des endlich zerfallenden Patriarchats?

Vielleicht ist er jetzt eine Minderheit? Was bedeutet das? Dass er endlich aufstehen, gegen Diskriminierung klagen oder wenigstens das Möbelhaus boykottieren muss? Ist jemand wie er überhaupt diskriminierbar?

„Kannst du uns mal schnell zu Ikea fahren!“, fordert seine Frau in diesem Moment. „Du darfst auch deine komischen Fleischklopse essen.“

„Mist“, denkt Herr K., „sie weiß einfach immer, womit sie mich kriegt.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind am 26. August im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Kommentare zu " Der Moderne Mann: Alter, weißer Mann, was nun?"

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  • Ralph S.25.08.2016, 12:45 Uhr
    Stimmt nicht. Die einzige Spielregel die es gibt, sind keine Kinder. Ansonsten ist meine Herzdame (inzw. sogar Verlobte) absolut gleichberechtigt. Und wird nach der Uni als meine persönliche Fitnesstrainerin und Ernährungscoach arbeiten. Wenn ich mit spätestens Mitte 40 mit dem Börsenzeugs aufhöre, und als GT3 -Fahrer im selbst finanzierten Team in der VLN mit einem R8 LMSultra teilnehme.


    Hahahahahahahahahahahahahaha



  • Ralph S.17.08.2016, 15:55 Uhr
    Bin nur 2x im Jahr in der Domstadt. Im Frühjahr zur FIBO, da der Kolibri als Sportwissenschaftlerin nach dem Uniabschluss als meine persönliche Fitnesstrainerin und Ernährungscoach arbeiten wird, und wir uns dort weitergehende Expertise holen. Und im Sommer zu den Kölner Lichter wegen des geilen Feuerwerks am Rhein. Außerdem hatte ich mal dort eine City-Immobilie im Townhaus-Stil, die ich aber dieses Jahr verkauft habe.


    HAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHA



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