Der moderne Mann
Auf der Jagd nach dem nächsten Zuckerberg

Herr K. hat einen neuen Kollegen: Lasse. 27 Jahre alt, jung, dynamisch. Er habe „da einige Projekte am Start“, erzählt der Neue. Steht da am Ende der neue Mark Zuckerberg vor Herrn K.?
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Es ist ein paar Wochen her, dass Herr K. einen jungen Mann im Büro empfing, der eine Viertelstunde zu spät zum Bewerbungsgespräch kam, sofort nach Sabbatical-Möglichkeiten fragte und mit Vornamen Lasse hieß. „Sie können Lasse zu mir sagen“, sagte Lasse gleich, worauf Herr K. dachte: „Und du kannst Herr K. zu mir sagen, Vollhorst!“ Er versucht wirklich, vorurteilsfrei durchs Leben zu gehen. Aber wer Lasse heißt (oder auch Bjarne oder Ronja), hat altlinke Eltern, kann seinen Namen tanzen und hält Sozialpsychologie für ein richtiges Studienfach. Natürlich hat er diesen Lasse nicht eingestellt. Und natürlich hat Lasse am 1. März dann doch angefangen in seiner Abteilung, was gar nicht so schwer zu verstehen ist.

Als Herr K. jung war (also in Lasses Alter: 27) hieß Business-Literatur zum Beispiel „Machiavelli für Manager“. Sehr beliebt war in BWL-Kreisen auch „Die Kunst des Krieges“ des chinesischen Strategen Sunzi, weil auch Wirtschaft als steter Kampf um Leben und Tod galt. Das hat sich zwar nicht unbedingt geändert, wird aber heute von Ratgebern zu „Burnout“ oder „Emotionaler Intelligenz“ flankiert. Jedenfalls kann sich Herr K. erinnern, dass er damals irgendwo den Management-Tipp inhalierte: „Wen Du nicht schlagen kannst, musst Du zu Deinem Freund machen.“ Er will Lasses Vertrauter werden - schon aus purem Eigennutz.

Zum einen möchte er endlich diese komische Generation Y verstehen, zu der Lasse zweifellos gehört. Zum anderen will Herr K. nicht verpassen, den deutschen Mark Zuckerberg zu entdecken. Man weiß doch, wie das läuft heute: Die Lasses dieser Welt entwickeln an einem Wochenende eine App, die innerhalb weniger Monate eine komplette Branche revolutioniert und an der Börse bald mehr wert ist als Siemens, Telekom und Daimler zusammen. Die Lasses werden ganz lässig zu Milliardären und wissen im Zweifel gar nicht, dass Menschen wie Herr K. ihretwegen plötzlich Probleme bekommen, ihren Lebensstandard oder gar Job zu halten. Herr K. möchte Teil sein des nächsten großen Internet-Dings. Er will, dass selbst Frau Dr. Schwielow aus dem Vorstand anerkennend zu ihm sagt: „Mensch, da hatten Sie echt den richtigen Riecher.“

Und Lasse ist voller Tatendrang, den Herr K. nicht bremsen will. Er habe „da einige Projekte am Start“, sagte er gleich zu Beginn. Vielleicht hätte Herr K. gewarnt sein müssen, dass sein neuer Mitarbeiter kein Risikokapital brauchte, sondern sich „alles im Baumarkt besorgen“ wollte. Aber dann ist er doch überrascht, als Lasse ihm seine ersten beiden Projekte vorstellt: Er hat einen Regenbogen in die Abteilungs-Cafeteria gemalt und will ein syrisches Flüchtlingscamp PR-technisch beraten. Einen Arbeitstag pro Woche. Pro bono. Da ahnt Herr K., dass das mit dem nächsten Zuckerberg doch länger dauern würde. Aber auch das war leider schon Sunzi vor 2 500 Jahren klar: „Man kann wissen, wie man siegt, ohne fähig sein, es zu tun.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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