Der moderne Mann
Auf der Jagd nach Entschleunigung

Im Urlaub will es Herr K. langsam angehen lassen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Der Diebstahl seines Brustbeutels, die Gedanken an die Arbeit und die Familie gönnen ihm weniger Ruhe und Muße. Doch was hilft?
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Entschleunigen! Alle Welt sagt, dass man im Urlaub vor allem entschleunigen soll. Herrn K. geht der Begriff nicht mehr aus dem Kopf, als er auf der neapolitanischen Polizeiwache in einer langen Schlange überwiegend deutscher Touristen den Diebstahl seines Brustbeutels melden möchte. Kleine Kinder schreien, zwei pastos geschminkte Frauen werden kreischend durch den Flur gezerrt. Wie bitte soll man hier entschleunigen? Und wie macht man das überhaupt korrekt?

Herr K. hat es quasi nach Lehrbuch versucht. Am ersten Urlaubsabend saß er erwartungsvoll mit seiner Familie im Halbpensionshotel, von dessen Terrasse man direkt auf den Vesuv schauen kann. Er schaute seine Frau an, seine 16-jährige Tochter, dann seinen sechsjährigen Sohn und versuchte ein Gespräch, das in etwa so begann: „Wie ... äh ... war euer Jahr denn bislang so? Was gibt’s Neues in der Schule bzw. Nachbarschaft?“ Alle schauten ihn dezent irritiert an, aber er hatte gelesen, wie wichtig es für eine erfolgreiche Entschleunigung ist, sich mit seinen Liebsten auszutauschen. Noch wichtiger als Urlaubslektüre, die möglichst mit dem normalen Job kontrastiert.

Also hatte er sich einen E-Reader vollgeladen mit Reiseführern über Kampanien. An Tag drei konnte Herr K. die Öffnungszeiten der Seilbahn auf den Monte Faito ebenso auswendig wie sämtliche historischen Hintergründe der Blauen Grotte auf Capri und Details der Wasserbüffelzucht für Mozzarella. An Tag vier lag er regungslos am Pool und ergab sich dem Sonnenbrand. An Tag fünf auch, weil der E-Reader sonnenmilchverschmiert seinen Geist aufgegeben hatte. An Tag sechs nahm ihm seine Frau das Handy ab, weil er dauernd Mails checkte, die nicht kamen.

Überhaupt die Mails. Entweder man kriegt keine wichtigen, was dazu führt, dass man an der eigenen Bedeutung zu zweifeln beginnt. Oder es kommen so semi-wichtige, für die es dann wieder zwei Strategien gibt, die natürlich beide falsch sind. Entweder man beantwortet sie, dann halten einen zu Hause alle für den Workaholic, der man ist. Oder man lässt es und grübelt die nächsten Tage, ob man nicht doch ... In dem Moment bekam seine Frau das Handy zu fassen, das sie seither nicht mehr rausrückte.

Herrn K.s kalter Entzug wurde nicht dadurch erträglicher, dass seine Kinder sich beim Abendessen durch intensives Whatsappen um weitere Vater-Kind-Gespräche mogelten. Und er ist auch jetzt noch nicht ganz zu Ende, als Herr K. zwischen bebirkenstockten Großfamilien aus Herne und Marzahn darauf wartet, endlich den Verlust seines Brustbeutels anzeigen zu dürfen. Manchmal macht sein rechter Daumen noch reflexartige Handy-Wischbewegungen.

Nach zweieinhalb Stunden hat sich Herr K. exakt 1,2 Meter bewegt. Dann schert er langsam aus der Schlange, flaniert Richtung Ausgang und lässt Süditalien auf sich zukommen. Jetzt spürt er die Entschleunigung, die man offenbar dadurch findet, dass man sie nicht mehr sucht (Fortsetzung folgt).

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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