Der moderne Mann
Auf der Suche nach einer schicken Allergie

Alle haben eine, nun braucht auch Herr K. dringend eine Allergie. Oder eine schöne Krankheit. Auch, wenn Herr K. nicht versteht, warum alle so auf Fitness aus sind, aber gleichzeitig mit ihrer Laktose-Intoleranz prahlen.
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Neulich in der Kantine: Herr K. hatte Chefsalat, Berger aus dem Marketing eine Gluten-Unverträglichkeit, der unvermeidliche Koslowski eine Laktose-Intoleranz und Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung ohnehin keinen Hunger, wenn man von dem fettarmen Natur-Joghurt absieht, mit dem sie sich ihren Büroalltag fünfmal täglich verschönert. Die Juristin kocht zurzeit ohne Weizen und reagiert mittlerweile laut eigenen Erzählungen auf Kamille, Hülsenfrüchte, Rotwein und tierische Gelatine mit großflächigen Ekzemen.

Sein Salat schmeckte Herrn K. bis zu dem Moment, als Frau Stibbenbrook sagte: „Wahnsinn, wie Sie reinhauen! Ihren Stoffwechsel möcht' ich mal haben.“ Es klang weniger begeistert, als es sich hier liest. Als er nach Hause kam, war er aschfahl. „Wie siehst du denn aus?“, fragte seine Frau. Er antwortete: „Ich brauche dringend eine Allergie. Alle haben jetzt eine.“

Als die Familie abends beriet, was zu tun sei, wurde schnell klar: Heuschnupfen reicht nicht mehr. Heuschnupfen ist „voll Achtziger und was für Loser“, sagte die 16-jährige Tochter von Herrn K., der sich daran erinnerte, wie er während der Pollensaison früher zu kämpfen hatte. Damals nahm man das als gottgegeben hin, heute rennt man zu drei Allergologen und Homöopathen. Aber im Prestige-Ranking der Krankheiten rangiert der Heuschnupfen tatsächlich heute nicht nur in seiner Firma irgendwo zwischen Keuchhusten und Fußpilz.

Zugleich müssen Führungskräfte im gehobenen Management wie Herr K. aufpassen, was sie an Krankheiten kultivieren – und entsprechend preisgeben. „Ich hab' Meniskus“, hat deutlich mehr Glamour als das Geständnis eines Bandscheibenvorfalls. Meniskus klingt nach sportlichem Ehrgeiz, den Herr K. in seiner Freizeit bisher nur bedingt entwickeln konnte. Schon mit dem Bekenntnis einer chronischen Entzündung der Nasenschleimhäute sollte man im Kollegenkreis indes sparsam umgehen.

Herr K. versteht vor allem den Allergie-Enthusiasmus nicht: Überall wird Toleranz so was von gesellschaftlich GROSSGESCHRIEBEN, dass es sich bis in diese Kolumne zieht. Und ausgerechnet beim Essen kann es nun gar nicht intolerant genug sein. Einerseits wollen alle sich selbst optimieren und Fitness demonstrieren.

Andererseits sind Allergien das ganz große Ding. „Wer krank ist, macht sich verdächtig. Wer gar nix hat, erst recht“, philosophierte er über dem Abendbrot. Seine Frau merkte an, dass auch Vorsorgeuntersuchungen sehr en vogue seien: Kreislauf, Haut, Darm – alles darf getestet, nur bitte nix gefunden werden. Zum Dessert brachte sie Mousse au Chocolat. Herr K. liebt Schokolade, was sie dann auf die rettende Idee brachte, die er beim nächsten Kantinen-Date sofort ausprobierte.

Er kniff sich leicht in die Hüfte, Frau Stibbenbrook fragte prompt nach, Herr K. gestand: „Kakao-Insuffizenz. Ich hab's aber im Griff.“ Eine Mittagspause lang war er der König. Der König der eingebildeten Kranken.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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