Der Moderne Mann
Auf die Plätze, fertig, Firmenlauf!

Der letzte Schrei in puncto Teambuilding sind Firmenläufe: Doch für Herrn K. gilt auch da, weniger als die Gruppendynamik, das Recht des Stärkeren. Deshalb hat er sich seine ganz eigene Lauf-Strategie zurechtgelegt.
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Zu den dubioseren Resultaten moderner Arbeitspsychologie gehört die Hypothese, dass Gemeinschaftserlebnisse die Gruppendynamik steigern. Haha, kann Herr K. da nur in sich hineinglucksen. Ihm fällt sofort das Survival-Wochenende der Führungskräfte im Oberharz ein. Den dicken Timmermann haben sie 27 Stunden nach dem Start völlig unterkühlt in einem Erdloch gefunden. Er hatte schon den Ölfilm von seiner Barbour-Jacke genagt und drei Kilo abgenommen - kein schöner Anblick. So wenig wie das Kaninchen, das Herr K. mit den anderen ausnehmen musste.

Ein andermal gab’s einen „Klettergarten-Workout“, bei dem man sich rückwärts von einem Baumstumpf fallen lassen sollte in die Arme der anderen. Koslowski laborierte danach sechs Wochen an einem Schädel-Hirn-Trauma. Herr K. hat seine heuchelnden Kolleginnen noch heute im Ohr: „Oh sorry, da sind Sie mir glatt durchgerutscht.“ Koslowskis Altherrenwitze mussten sich irgendwann ja rächen.

Der letzte Schrei in puncto Teambuilding sind „Firmenläufe“: Viele Dutzend teils sehr heterogene Betriebskampfsportgruppen joggen mehr oder weniger gemeinsam ein paar Kilometer. Herr K. gehört leider zu jener Kategorie Läufer, die ihre Kräfte schon beim 100-Meter-Lauf geschickt dosieren müssen. Am Ende werden dann nicht nur die schnellsten Teams gekürt, sondern auch die größten oder die besonders originell kostümierten Läufer wie Berger aus dem Marketing, der sich zuletzt als Bibo aus der Sesamstraße zum Affen machte. Irgendwas bekommt am Ende fast jeder - und wenn es nur Seitenstechen oder der Hohn der Triathleten aus der eigenen Firma ist, die schon wieder nach Hause fahren, wenn man selbst erst schweißnass durchs Ziel hechelt.

Überhaupt scheint Herrn K. der Gemeinschaftsgedanke hier eher überstrapaziert. Im Prinzip gilt auch beim Firmenlauf das Recht des Stärkeren, obwohl natürlich jeder behauptet, dass Dabeisein alles ist und man für die Gemeinschaft und den guten Zweck läuft (angesichts des Booms müssten eigentlich alle Kinderkrebsstationen zwischen Garmisch und Kiel kaum wissen, wohin mit all den Spenden).

Als Führungskraft im mittleren Management hat sich Herr K. seine eigene Lauf-Strategie zurechtgelegt: Alle Untergebenen a priori vorbeiziehen lassen! Grund: Die einen sind eh schneller, so dass jeder Versuch mitzuhalten am Streckenposten des Roten Kreuzes enden muss. Und die in jeder Hinsicht Fußlahmen würden sich nur bestätigt fühlen, was für einen blöden Ehrgeizling sie da als Chef haben. Die gleiche Taktik nutzt Herr K. bei seinen Vorgesetzten. Die finden es einfach nicht witzig, wenn er vor ihnen am Ziel ist. Da es andererseits aber auch nicht angeraten ist, Letzter zu werden, bleibt nur Plan B: Rechtzeitig vorm Lauf bekommt Herr K. „eine Reizung in der linken Patella“ - und fällt aus. Schade, schade. Aber die Kinderkrebsstation wird natürlich großzügig von ihm bedacht.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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