Der moderne Mann
Auf irgendetwas warten wir immer

Täglich warten in Malls, Boutiquen oder Kaufhäusern Millionen Männer auf ebenso viele shoppende Frauen – auch Herr K. muss da durch. Dabei kommt er auf eine Geschäftsidee, um sich und seinen Leidensgenossen zu helfen.

Angeblich lässt sich das menschliche Leben in drei einigermaßen vergleichbare Teile parzellieren: Ein Drittel unserer Zeit arbeiten wir. Ein Drittel wird geschlafen. Und den Rest warten wir. Auf was auch immer. Dass die Ampel endlich grün oder die Schlange an der Supermarktkasse kürzer wird. Diese Rechnung ist natürlich Quatsch. Wir warten viel länger. Vor allem, wenn wir männlich und verheiratet sind.

Herr K. lehnt bei den samstäglich überrannten Umkleidekabinen in der Damen-Oberbekleidung eines Multi-Brand-Retailers (so heißen Kaufhäuser heute) an der Wand und wartet auf seine Frau. Sie probiert gerade irgendwelche Kleidungsstücke an, die er nachher loben muss. Er könnte dann auch sagen: "Steht dir nur bedingt!" Aber mit solchen Sätzen hat er eher weniger gute Erfahrungen gemacht. Sie würde ihn dann noch länger warten lassen. Aus erzieherischen Gründen vielleicht. Er ist sich über ihre Motivation nicht ganz sicher.

Eigentlich wartet er auf sie, seit er sie kennt: beim ersten Date ebenso wie bei ihrer Hochzeit, als er eine halbe Stunde nicht sicher war, ob das noch pünktlich was wird oder er den ganzen Kram samt Blumenschmuck wieder einpacken könnte.

Und wie das in guten Ehen so ist, hat Herr K. sich mittlerweile daran gewöhnt und plant entsprechend temporäre Pufferzonen ein, was geschwollener klingt, als es ist: Wenn sie um 20 Uhr irgendwo sein müssen, sagt er um 18:10 Uhr, dass sie noch eine halbe Stunde haben, um rechtzeitig um 19:30 Uhr das Haus zu verlassen.

Herr K. lehnt immer noch an der Wand. Er würde sich jetzt gern hinsetzen, aber die beiden einzigen Sesselchen sind von anderen Männern besetzt, die auf andere Frauen warten. Warum wird für diese beklagenswerte Klientel nicht viel mehr getan? Weltweit warten jeden Tag in Malls, Boutiquen oder Kaufhäusern Abermillionen Männer auf ebenso viele shoppende Frauen.

Ähnlich dem Bällebad im Ikea-Småland für die Kinder könnte man doch kleine Lounges einrichten für die Männer ... Sofaecken, Herrenmagazine (nix Anrüchiges, eher "Micky Maus"-Taschenbücher und "GQ"), und vielleicht ein Fernseher? Mehr bräuchte es gar nicht. Das würde die gesamte Situation entspannen und damit am Ende sogar den Umsatz erhöhen. Glückliche Männer sind großzügige Männer.

Warum hat daraus noch niemand ein Geschäftsmodell gemacht? MWR.com (für: Men‘s Waiting Room). System-Mobiliar zur Miete. Franchisesystem. Lokaler Start. Globaler Anspruch. Börsengang. Bis weltweit Männer ihre Frauen anflehen: "Schahaatz, wann darf ich dich wieder beim Einkaufen begleiten?"

Gerade kommt Herrn K.s Frau aus der Umkleidekabine. Er leidet, müde an die Wand gelehnt. Sie lächelt. In dem Moment weiß er, dass es mit MWR.com den Bach runterginge, bevor es begonnen hätte. Es wäre schlicht zu schön. Dann schaut er noch mal richtig gequält. Einfach, um seiner Frau eine kleine Freude zu machen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

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