Der moderne Mann
Das "a-ha"-Erlebnis

Herr K. trifft in der Business Lounge eines Flughafens die Sänger der norwegischen Band „a-ha“. Er strengt einen Vergleich zwischen dem Pop-Star und sich selbst an und merkt – so verschieden sind sie gar nicht.

Will man der eigenen Jugend später noch einmal begegnen in einem Alter, da selbst Rentenbescheide ihre Absurdität verlieren? Herr K. ist viel zu überrascht, sich diese naheliegende Frage zu stellen. Er betritt gerade die Business Lounge des Flughafens, und an einem der Bistro-Tische sitzen die drei Musiker der norwegischen Popband „a-ha“. Einfach so. Drei alte Bekannte, die Herrn K. natürlich nicht kennen können. Vor hundert Jahren stand er mal in einem „Guns N’ Roses“-T-Shirt hinten rechts bei einem „a-ha“-Konzert und grölte Apfelkorn-selig „Hunting High and Low“.

Jetzt schafft er es gerade noch, das Trio elegant zu ignorieren, sich mit leicht zittrigen Händen eine Apfelschorle aus dem Automaten zu zapfen und einen Sessel zu suchen, der weit genug weg ist, um die drei Norweger gut im Blick zu behalten. Sie sitzen artig am Tisch und trinken grünen Tee, Wasser und Cola Zero. Niemand zertrümmert Lufthansa-Mobiliar oder nimmt vor den Augen des vielfliegenden Mittelstandes illegale Neuroleptika zu sich. Derlei ging an „a-ha“ aber wohl schon vorbei, als man ihnen solche Popstar-Freizeitbeschäftigungen noch verziehen hätte.

„a-ha“ verkauften 80 Millionen Tonträger, als die noch Platten hießen. Sie haben ihre Band gegründet, als Ostdeutschland noch Teil des Warschauer Pakts war, das Internet erst erfunden werden musste, Navis „Falk-Pläne“ hießen und Herr K. im Freibad Leckerschmecker kaufte. „a-ha“ sind Titanen des Musikgeschäfts, wahrscheinlich gerade auf dem Weg zu einem Konzert in Des Moines oder Izmir. Und nun sitzen sie hier und reden vielleicht über Bandscheibenprobleme oder dass die jüngste Tochter von Morten Harket gerade einen Milchzahn verloren hat.

Herr K. sitzt da und googelt sich schnell das Leben von Herrn Harket zusammen. Die anderen beiden kennt ja niemand. Morten Harket ist der Sänger. Alle fanden ihn cool. Es war wie bei „Depeche Mode“, wo man ja eigentlich auch nur Dave Gahan kannte und vielleicht noch Martin Gore. Morten Harket hat mittlerweile fünf Kinder von drei Frauen und ist jetzt 56. Er sieht besser aus als der zehn Jahre jüngere Herr K. vor zehn Jahren.

Warum haben „a-ha“ sich vor fünf Jahren getrennt und gehen nun doch wieder auf Tour? Brauchen sie das Geld? Sind sie ihren Frauen auf die Nerven gegangen, als sie nur noch zu Hause rumsaßen und Teigröllchen ansetzten wie die Jungs von „Take That“? Fahren sie jetzt zu Konzerten wie Herr K. zu Key-Account-Besprechungen? Ist ein Leben als Popstar, als Ikone, als Gott am Ende auch nur ein Job mit Künstlersozialkasse, Berufsunfähigkeitsversicherung und zu kalten Hotelklimaanlagen? Die drei sehen müde aus. Herr K. ist müde. Dann stehen die Titanen plötzlich auf und bringen sogar ihre Gläser zurück.

Morten Harket muss noch mal aufs Klo. Die anderen beiden sind schon draußen. Sie heißen übrigens Pål Waaktaar-Savoy und Magne Furuholmen. Das sollte man jetzt auch endlich mal erwähnen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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