Der moderne Mann
Das Büro als Dschungelcamp

Herr K. zieht diesmal einen Vergleich zwischen Dschungelcamp und dem bundesdeutschen Büroalltag. Er steht zu sich selbst und plaudert über Kollegen. Er offenbart das, worüber niemand reden will – Herr K. ist Herr. K.
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Am Anfang war es Herrn K. noch peinlich, inzwischen steht er ganz offen dazu, zumindest innerhalb seiner eigenen Familie: Er schaut gern „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Und es hat nur wenige Staffeln gedauert, bis er dafür sogar eine plausible Erklärung liefern konnte: Die nächtliche RTL-Show um schnell verwitternde D-Prominente im australischen Regenwald ist vor allem eine Allegorie auf den bundesdeutschen Büroalltag, leider auch seinen eigenen.

Natürlich würde er sich eher ein Arschgeweih auf die Stirn tätowieren lassen, als seine Kollegen in der Firma mit dieser Theorie zu belästigen. Sie würden verwirrt nicken und danach sofort die Aberkennung seiner bürgerlichen Ehrenrechte beantragen. Aber man muss ja nicht über alles reden. Zumal Herr K. weiß, dass er recht hat, wenn er das raffiniert gecastete Bestiarium absurder TV-Figuren tagtäglich heranschlurfen sieht. Dann ist es nämlich wie bei ihm in der Firma:

Da gibt es die teigig-phlegmatischen Alten, deren letzte Lebensziele vor „Level Rheumadecke“ nun Raucherecke, Toilette und geregelte Nahrungsaufnahme sind. Es gibt die verhaltensauffälligen Spinner, die nur noch von ihren Antidepressiva in der Spur gehalten werden, die jugendlichen Vollidioten, die psychologisierenden Rechthaber, manchmal einen Quotenakademiker sowie Teammitglieder, die grundsätzlich völlig unsichtbar bleiben, bis sie irgendwann nicht mehr da sind, was aber auch niemandem auffällt. Meist gibt es eine muttieske Krawallnudel, und einer wäre immer gern der Betriebsrat beziehungsweise Camp-Sprecher.

Beide Schicksalsgemeinschaften, Bürokollegium wie Dschungelcamper, versuchen irgendwie, immer noch einen weiteren trost- und ereignislosen Tag rumzubringen mit Tratsch, Intrigen und blöden Sprüchen. Im Großraum herrschen hier wie dort Apathie und Langeweile in vielerlei Schattierungen. Man fühlt sich zwar chronisch beobachtet, aber nur einmal am Tag wird es ernst – wenn von außen so etwas wie Realität einbricht ... eine Aufgabe, ein Kunde, eine „Prüfung“, wie das bei RTL heißt. Dann muss tatsächlich mal kurzfristig gearbeitet werden. Diese Kröte gilt es dann zu schlucken – mal nur als Wortspiel, mal ganz real. Herr K. hat einige seiner Kollegen im Verdacht, dass sie sich lieber einer Wannen-Melange aus Mehlwürmern, Waldameisen und Kakerlaken aussetzen würden als einem Kundengespräch.

Gut, die Palmen sind in Australien ein bisschen größer als in den Hydrokulturen hierzulande. Dafür ist die Dichte an offenkundig missglückter kosmetischer Chirurgie in Herrn K.s Firma deutlich geringer. Aber sonst sind die Ähnlichkeiten auffällig zwischen Dschungel-Lemuren und Office-Untoten.

„Hm“, sagt Herrn K.s Frau, als er sie mit seiner Theorie konfrontiert. „Macht Sinn. Nur ist das Dschungelcamp nach zwei Wochen rum. Du musst dann weiter zur Arbeit.“ Manchmal ist ihre Klugheit geradezu schmerzhaft.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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