Der moderne Mann
Das deutsche Dienstwagen-Geheimnis

Herr K. hat bisher nie für eine Firma gearbeitet, die ihren Angestellten Dienstwagen zur Verfügung stellt. Eigentlich hätte er gerne aber einen Firmenwagen – vor allem, um seinem verhassten Nachbarn eins auszuwischen.

Das Thema Dienstwagen haben wir dieser Kolumne bislang erspart. Nicht weil es ungeeignet wäre. Im Gegenteil. Dienstwagen passen zu den Lebensentwürfen berufstätiger Männer "wie Arsch auf Eimer", würde Herrn K.s Kollege Koslowski in seiner unnachahmlich vulgären Art sagen. Das Thema ist aber weitaus sensibler als Fragen des Bartwuchses oder der partnerschaftlichen Kindererziehung, die hier längst behandelt wurden.

Womöglich haben sich heterosexuelle Männer mittleren Alters lange Zeit über kaum etwas anderes derart definiert wie die Größe ihres Dienstwagens. Es soll selbst heute noch Firmen geben, die im Kleingedruckten ihrer Arbeitsverträge eher die Details etwaiger Kfz-Ausstattungspakete auffächern als leidige Fragen nach Urlaubsanspruch oder Kündigungsfristen.

Und es lässt sich auch für Herrn K. nicht länger ignorieren, denn sein verhasster Nachbar Niemeyer-Hindeloh hat am Wochenende seinen neuen Dienst-BMW in Empfang genommen: "535er Touring mit Sport-Automatik, Luxury-Line, Connected Drive und Night Vision", grient Niemeyer-Hindeloh stolz über die Buchsbaum-Hecke.

Mal abgesehen davon, dass "Klima, Metallic, Ledersitze" früher genügte, um sich von der Masse abzusetzen, war Herr K. nicht nur wegen der billigen Protzerei schnell genervt. Der weitaus wichtigere Grund: Er hat es einfach nie geschafft, für eine Firma zu arbeiten, die ihren Angestellten Dienstwagen offeriert. Das wiederum muss man erst mal schaffen.

Er hat sich erkundigt: Über 67 Prozent der Neuwagen in Deutschland sind Firmenwagen. Siebenundsechzig Prozent! Der gesamte Erfolg der deutschen Autoindustrie scheint auf dem Prinzip "gewerblicher Neuzulassung" zu fußen.

Je länger er darüber grübelt, umso wahrscheinlicher erscheint es ihm, dass letztlich die gesamte Modellpalette aller großen Hersteller der gottgegebenen Segmentierung in unteres und mittleres Management sowie Topverdiener folgt (also Vorstände, Erben, Ex-Politiker, neureiche Internet-Größen … wobei Letztere vielleicht doch eher zu Tesla greifen, mutmaßt Herr K.).

In der Regel reichen 3er, 5er, 7er (BMW), C-, E- und S-Klasse (Mercedes) oder A 4, 6 und 8 (Audi) für die gesamtgesellschaftlich akzeptierte Zurschaustellung des eigenen Job-Status. Es gibt mittlerweile zwar Abstufungen … BMW-1er oder Daimlers A-Klasse für aufstiegsorientierte Hedonisten und vor allem natürlich die ganzen Geländewagen, die indes auch nur sagen sollen: "Euro-Krise, Flüchtlingselend, Nullzins-Gegenwart - es wird unbequemer, aber ich gehöre noch immer zu den Gewinnern."

In diesem Moment trottet Herrn K.s 16-jährige Tochter an ihm vorbei, ihr Longboard hinter sich her über den Kies schleifend: "Hey, neuer Wagen?" Als Niemeyer-Hindeloh lächelt, sagt sie: "Hätt’s den auch in cool gegeben?" Natürlich brüllt Herr K. ihr eine fast echt wirkende Drohung hinterher. Insgeheim ist er stolz wie Bolle. Diese rebellische Unangepasstheit hat sie von ihm.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

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