Der moderne Mann
Die Finessen des Carsharings

Als kleiner Junge träumte Herr K. noch von einem Ford Mustang oder einem Ferrari 365 GTS 4 Daytona Spider. Nun sitzt er am Steuer eines Smarts, der ihm nicht mal gehört - und ist trotzdem glücklich.
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Herr K. sitzt in einem Smart ohne Servolenkung, der nicht einmal sein eigener ist. Das kunstlederne Kleinstwageninnere changiert geruchlich zwischen „Gabi's Bierbutze“ und Bahnhofstoilette. Ein leerer Coffee-to-go-Becher rollt durch den Fußraum. Er fasst ans leicht klebrige Lenkrad und reißt kurz die Hände wieder weg, als ihm durch den Kopf schießt, wer da wohl vor ihm schon alles drin saß. Er mag sich das jetzt nicht weiter vorstellen, denn was soll man sagen: Herr K. ist glücklich.

Mehr noch: Er fühlt sich, als erreiche er gerade die nächste Evolutionsstufe der Menschheit. So muss sich Neil Armstrong gefühlt haben, als er den Mond betrat oder Thomas Gottschalk, als er „Wetten, dass..?“ hinschmiss. Herr K. spürt eine große Erhabenheit. Und auch wenn er das Fahrzeug noch nicht mal gestartet hat, er ist jetzt Mitglied im wachsenden Carsharing-Club. Seine Freude verrät wahrscheinlich auch viel über das sich wandelnde Verhältnis Mann Auto. Herr K. weiß nur nicht genau, was.

Als er klein war, besaß er Quartettkarten, in denen ein Ford Mustang oder ein Ferrari 365 GTS 4 Daytona Spider als Maß aller Dinge galten im Leben eines Jungen. Mit hohen Geschwindigkeiten und PS-Zahlen gewann man immer.

Die automobile Karriere von Herrn K. verlief zunächst entsprechend geradlinig: ein heftpflasterfarbener Gebraucht-Polo, den ihm seine Eltern schenkten. Dann ein neuer Golf. Als er in den „Lebensabschnitt Dienstwagen“ einbog, fühlte er sich bei BMW schon deshalb wohl, weil der Autokonzern es schafft, die deutsche Nachwendegesellschaft in nur drei Modellreihen abzubilden. Den 1er für den aufstiegsorientierten Hedonisten gibt's ja erst seit ein paar Jahren. Bis dahin reichten: 3er =etablierter Führungs-Bodensatz. 5er =Bereichsleiter, gern auch mit Aufkleber der Sylt-Silhouette am Heck. 7er: richtige Chefs.

Die erste Erschütterung dieser Weltordnung war der Erfolg von Geländewagen. SUVs versprachen Geländegängigkeit im unwegsamen Terrain zwischen Globalisierung und Finanzkrise. Aber genau in dem Moment, da Herr K. sich so einen Klotz kaufen wollte, waren plötzlich Kleinwagen hip ... Fiat 500 oder Mini. Und dann kam auch noch Carsharing, wobei Autos bis auf weiteres das Einzige bleiben werden, was Herr K. zu teilen gedenkt.

Er hat partout keine Lust, sich in die Airbnb-Betten fremder Menschen zu legen, die ihn morgens noch mit einem regionalspezifischen Frühstück erschrecken. Carsharing kommt für ihn schon lässig und umweltbewusst genug rüber und gibt ihm das Gefühl, deutlich jünger zu sein, als er ist. Mögen die Autos auch immer kleiner werden.

Und genau in dem Moment, als er nun endlich zum ersten Mal so einen Sehr-gebraucht-Smart starten will, genau in diesem Moment leuchtet im Display am Armaturenbrett ein vierstelliges Feld auf. Er soll seinen Code eingeben. Äh, ja. Was denn für einen Code? Zu Neil Armstrongs Zeiten hatten es Welteneroberer noch einfacher.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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