Der moderne Mann
Die Zukunft des Buchhandels

Trotz Amazon, Kindle und Co. ist Herr K. ein großer Freund von klassischen Büchern und des stationären Buchhandels. Doch so langsam denkt er, dass er da der Einzige ist. Gibt es überhaupt noch Menschen, die Bücher lesen?
  • 2

Herr K. ist ein großer Freund des stationären Buchhandels. Welche andere Branche hat sich in den vergangenen Jahren derart konsequent neu erfunden? Okay, da wären Maschinenbau, Musikbusiness, Prostitution, Landwirtschaft, Autoindustrie und noch ein paar andere ..., aber sonst?

In einem handelsüblichen Buchladen gibt es ja längst nicht mehr nur Bücher. Das Angebot umfasst Duftkerzen, Klangschalen sowie sehr nachhaltiges Holzspielzeug. Es ist sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Kleinwagen, Erlebnisreisen und - gemeinsam mit medizinischen Kooperationspartnern in aufstrebenden Schwellenländern - Organtransplantationen angeboten werden. Herr K. hört schon die Buchhändlerin murmeln: „Stuckrad-Barre, Judith Hermann, eine Leber und ein Dacia Logan to go … macht 17.539,99 Euro.“

Wobei Herrn K. das klassische Buch völlig ausreichen würde. Analog. Auf Papier. Seine Sommerferien-Erfahrungen mit sogenannten E-Readern sind überschaubar, auch wenn so ein Plastikteilchen wahrscheinlich die gesamte Library of Congress speichern kann. In seiner Regalwand zu Hause sieht derlei viel weniger nach Bildungsbürgertum aus als die Suhrkamp-Restposten seiner Jugend. Und gut lesbar ist auch was anderes. Erst sah er in der mallorquinischen Sonne auf dem E-Reader gar nichts. Dann zerkratzte er das Display beim „Umblättern“ mit einer schmirgeligen Mischung aus Sand, Sonnenmilch und gelebter IT-Inkompetenz. Schließlich war der Akku leer.

Als er seiner 16-jährigen Tochter im Gegenzug ein Reclamheftchen ans Herz legte, kreischte die völlig euphorisiert: „Süß, sieht aus wie echtes Buch. Wo issen da der USB-Anschluss?“ Gibt es überhaupt noch Menschen, die Bücher lesen? So von vorn bis hinten? Man schaut sich doch eher zwei, drei Kritiken an, speichert Bonmots für den nächsten Grillabend ab und bestellt dann schnell online. Am Ende liegen die Muss-Neuheiten eingeschweißt auf Herrn K.s Nachttischchen rum. Diese Strategie hilft allenfalls, die Hungerlöhne gequälter Seelen in anonymen Logistikzentren amerikanischer E-Commerce-Riesen zu finanzieren. Deshalb kehrt Herr K. neuerdings wieder zum ganz realen Buchladen zurück.

„Vielleicht noch ’n Duftkerzen-Set oder eine frische Milz? 20 Prozent auf alles außer Tiernahrung“, lächelt die Fachkraft mit der praktischen Kurzhaarfrisur. In diesem Moment schrickt Herr K. aus seiner Herbstferien-Liege hoch, immer noch das blaue Buch über den „Modernen Mann“ auf dem Bauch. Von seiner Frau. Zum Geburtstag. Er lächelt. Bücher haben Zukunft. Selbst wenn man sie nicht mehr selbst liest. Aber man kann sie wunderbar verschenken.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Die besten Kolumnen vom modernen Mann sind im Gabal Verlag erschienen (14,90 Euro) – samt neuen Texten und allen Hintergründen rund um Herrn K. Hier können Sie das Buch zur Kolumne bestellen: kaufhaus.handelsblatt.com/herrk.

Kommentare zu " Der moderne Mann: Die Zukunft des Buchhandels"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Bin nur 2x im Jahr in der Domstadt. Im Frühjahr zur FIBO, da der Kolibri als Sportwissenschaftlerin nach dem Uniabschluss als meine persönliche Fitnesstrainerin und Ernährungscoach arbeiten wird, und wir uns dort weitergehende Expertise holen. Und im Sommer zu den Kölner Lichter wegen des geilen Feuerwerks am Rhein. Außerdem hatte ich mal dort eine City-Immobilie im Townhaus-Stil, die ich aber dieses Jahr verkauft habe.

  • Wer braucht denn " Online-Dating-Portale " wenn es Muckibuden zum Eisen biegen für uns Männer und für die Ladys den Knack-Po zum trainieren gibt ?

    Wenn ich Lust habe auf Spielbank, dann mache ich das ja auch nicht Online am PC. Sondern ziehe mir einen eleganten Smoking an, fahre nach Wiesbaden und verbinde das Ganze mit einem Besuch im Gourmetrestaurant Ente und einer Übernachtung im Nassauer Hof.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%