Der moderne Mann: Ein Kollege verabschiedet sich - ad hoc

Der moderne Mann
Ein Kollege verabschiedet sich - ad hoc

Auf der Weihnachtsfeier hat er ihm noch sein Herz ausgeschüttet, jetzt ist er tot. Ein Kollege hat einen Herzinfarkt - und nun denkt Herr K. darüber nach, was eigentlich bleibt von so einem urbanen Männerleben.
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Timmermann ist tot. Mit 43. Herzinfarkt. Eigentlich ja die letzte persönliche Revolte für einen Mann mittleren Alters in den Ballungszentren hochentwickelter Industrienationen, denkt sich Herr K., als er vom Ende seines Kollegen erfährt. Er denkt gern ein bisschen gestelzt, wenn die Realität ihn kurzzeitig überfordert. Timmermanns Assistentin musste mit einem Nervenzusammenbruch in die Klinik. Er war einfach vor ihr auf die hornhautfarbene Auslegeware gesackt, als er ihr letzte Details für die Powerpoint-Präsentation der Quartalszahlen zurief ... na ja ... wahrscheinlich schrie er eher, denn Timmermann galt als Klassiker des aussterbenden Männermodells Verzweiflungs-Vollmacho.

Seine cholerischen Ausbrüche schafften es bis in die Persiflagen beim Firmenkarneval. Bluthochdruck und Übergewicht waren seine treuesten Wegbegleiter, seit ihn seine Frau vor einem Jahr verlassen hatte, um auf Ibiza einen Ayurveda-Shop zu eröffnen, mit irgendeinem Enrico aus Halberstadt, den sie drei Monate vorher im Internet kennengelernt hatte. Timmermann erzählte Herrn K. die ganze Story ungefragt bei der Betriebsweihnachtsfeier nach dem dritten Apfelpunsch. Unter Tränen. So war Timmermann.

„Mensch, Timmermann, alte Socke!“, denkt Herr K. „Früher wolltest du mal meinen Job. Und jetzt bist du tot.“ Dann denkt er erst mal gar nichts mehr, weil ihm auffällt, dass Timmermann zwei Jahre jünger war als er selbst - und ihm eigentlich sehr ähnlich. Weder charakterlich noch optisch, Gott bewahre! Aber in der Art, wie man so ein urbanes Männerleben zusammenfassen kann. Wenn man mal ehrlich mit sich ist, genügt in vielen Fällen final wohl ein Absatz: Kindheit, Schule, Abitur, Studium, Heirat, ein Kind, zwei Handys, noch ein Kind, Dienstwagen, Lebensversicherungen, Aufstiegskämpfe, Frequent Traveller, Doppelhaushälfte, Abstiegsängste, Herzgeschichte, Ausstiegsträume, Rentenbescheide, bevor die Schussfahrt beginnt auf dem Kurkonzertsitzkissen ab in die Kiste, Todesanzeige mit dem Zusatz: „Von Blumenpräsenten bittet die Familie Abstand zu nehmen.“ Kontonummer eines Kinderhospizes. Ende Gelände.

Und das ist schon die optimistische Variante, wenn man sich Timmermanns Abgang ansieht. Wie lange werden Ikea und Amazon an seine private Mailadresse noch automatisierte Geburtstagsgrüße schicken? Das waren jedenfalls die Einzigen, die er zuletzt bekam, verriet ihm Timmermann bei der Weihnachtsfeier.

Herr K. betrachtet das Kugelstoßpendel auf seinem Schreibtisch. Links macht eine Kugel klack, rechts stößt sich eine andere ab. Klack. Die Zeit rast, klack, und man selbst rast mit. Klackklack. Überholspur und so. Keine Atempause. Für Timmermann ist es zu spät. Aber Herr K. kann noch umkehren.

Dann gibt er sich selbst einen Ruck und ruft rüber zu seiner Sekretärin ins Vorzimmer: „Machen Sie mir bitte für morgen früh irgendeinen unaufschiebbaren Termin, damit ich nicht zu Timmermanns Beerdigung muss!“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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