Der moderne Mann
Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Gerade am Flughafen angekommen, trifft Herr K. einen alten Bekannten. Wenn er nur wüsste, wie er heißt. Vielleicht der Neue aus dem Controlling? Egal. Erstmal Händeschütteln. Wenn der Mann nur nicht so wirr reden würde.
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Kennen Sie dieses Gefühl, dass man einen Bekannten trifft, den man dummerweise gar nicht kennt? Herr K. kehrt gerade feiertagsfröhlich von der letzten Dienstreise des Jahres heim und steht kurz im Zentralbereich des Flughafens herum, als ihm ein Mann entgegenkommt, der trotz Aktentasche versucht, die Arme einladend auseinanderzureißen.

Herr K. schaut in den Augenwinkeln, ob hinter ihm jemand reagiert, doch der Mann scheint wirklich ihn zu meinen. Noch 20 Meter liegen zwischen ihnen. Herr K. versucht ein unstrukturiertes Lächeln, während er zugleich mit einem Anflug von Panik grübelt, wer das ist.

In der Firma gibt es ähnliche Momente, aber da kommen solche Typen nicht ad hoc freudestrahlend auf einen zu. Man fängt in einem Job an, lernt die Leute kennen, merkt sich Namen, vergisst andere. Und irgendwann ist es zu spät, um noch zu fragen: Wie heißt noch mal der mit dem Haarkranz und den Elefanten auf den Krawatten? Er kann nicht wichtig sein, sonst hätte man ihn ja abgespeichert. Aber es wäre auch ein Beweis eigener Ignoranz, den Namen immer noch nicht zu kennen.

Noch zehn Meter bis zu dem Unbekannten, der Herrn K. nun offensiv anstrahlt. Vielleicht der Neue aus dem Controlling? Ein verschollener Sandkasten-Kumpel? Der Vorstands-Assi von Frau Dr. Schwielow? Noch fünf Meter, als Herr K. sich zur Vorwärts-Verteidigung entschließt und dem Mann indifferent strahlend die Hand entgegenstreckt.

„Hallooo“, begrüßt der andere Herrn K., der noch nicht einmal weiß, ob er den Unbekannten duzen oder siezen soll. „Super, dass ich Sie hier treffe“, sagt der andere, womit immerhin diese Frage geklärt ist. Herr K. findet das auch total super und hört gar nicht mehr auf, die fremde Hand zu schütteln. Mensch aber auch! Aus den Deckenlautsprechern tropft sehr klebriges Weihnachts-Liedgut, als Herr K. versucht, etwas Neutrales zu sagen: „Wahnsinn, schon wieder ein Jahr rum.“ – „Ja, die Zeit rast. Wir müssen uns ja auch sputen.“

Herr K. ist leicht irritiert: „Äh, wieso sputen? Sie meinen so shoppingtechnisch?“ Jetzt ist auch sein Gegenüber verwirrt: „Nein, wegen unseres Flugs. Köln. Die Vertriebsleitertagung.“ Herr K. sagt, dass er ja gerade erst aus München komme. Zwei Männer in dunkelblauen Anzügen, die allmählich realisieren, dass sie rein gar nichts miteinander zu tun haben. Langsam lassen sie ihre Hände los. Im Hintergrund heult George Michael „Last Christmas I gave you my heart“.

Der andere Mann findet als Erster seine Fassung wieder: „Dann sind Sie gar nicht Stielke aus der Entwicklung?“ „Äh nein“, rafft sich Herr K. endlich auf: „Dann noch...also gute Reise nach...äh...Köln.“ „Ja, danke“, sagt der andere. „Ihnen auch ... guten Rutsch und so!“ Sie setzen sich zögernd in Bewegung. Keiner schaut mehr zurück. Für ein paar Sekunden hatten beide einen tollen, neuen Kollegen. George Michael wimmert ihnen hinterher: „But the very next day you gave it away.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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