Der moderne Mann
Empathie lernen mit Lars

Herr K. besucht ein Seminar für Führungskräfte. Wieder im Arbeitsalltag angekommen, will er das Erlernte in einem Personalgespräch umsetzten – und muss enttäuscht feststellen, dass der versprochene Effekt ausbleibt.
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Als Herr K. am Montagfrüh wieder ins Büro kommt, fühlt er sich wie ein anderer Mensch. Zumindest wie eine bessere Führungskraft. Schon toll, was ein Wochenende auf einem Pferdehof in Ostwestfalen-Lippe ausmachen kann. Und das hat nicht nur mit den Huftieren zu tun, die sie während des Coachings streicheln und bürsten sollten, um Körperkontakt „mal wieder ganz haptisch erleben zu können“. So hatte es ihnen Lars, ihr Trainer, erklärt.
Lars war „in einigen früheren Leben“ Betriebswirt, Roadie einer hessischen Death-Metal-Band, Barkeeper auf Ibiza sowie als „Gaukler“ zugleich Geschäftsführer diverser Mittelaltermärkte. Seit er das Coaching für sich entdeckt hat, geht es allerdings noch weiter aufwärts für ihn. Am ersten Abend erzählte er verschwörerisch, dass er die Eigentümerfamilien mehrerer mittelständischer Hidden Champions mit Milliardenumsätzen „teils schon über Jahre mediativ“ begleite. Er dürfe keine Namen nennen und sage nur: Bielefeld.

Nach zwei Tagen mit bunten Karteikarten und Stuhlkreisen ist Herr K. auch gewappnet für das Personalgespräch mit Frau Kremer. Er weiß ja jetzt, welch große Rolle Wertschätzung spielt. Lars hat ihnen sehr gut erklärt, wie wichtig es ist, auch kritische Unterredungen erst einmal mit den positiven Aspekten zu beginnen.

„Frau Kremer“, sagt Herr K. zu Frau Kremer und schaut sie direkt an, weil Blickkontakt auch gleich eine andere Vertrauensebene und Aufrichtigkeit herstellt. „Frau Kremer, ich bin total froh, dass wir Sie nun schon so lange hier haben. Wie lange genau?“ Dialog ist wichtig, bloß kein Frontalunterricht. Frau Kremer wischt sich nervös ihre pflasterfarbenen Hosenbeine glatt: „21 Jahre.“

Auch die Ich-Form macht viel aus, um das Gegenüber nicht unnötig unter Druck zu setzen: „Ich finde, das ist echt eine Leistung“, sagt Herr K., „so lange im gleichen Betrieb.“ Frau Kremer versucht eine Antwort: „Sogar in der gleichen Abteilung.“ An Lars denken heißt: das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Und nie Anselm Grün vergessen: „Führung ist Dienstleistung, kein Privileg.“ Herr K. lächelt: „Ich beneide Sie um all die Erfahrungen, die ja auch einen unbezahlbaren Schatz darstellen, wenn wir uns jetzt leider von Ihnen trennen müssen.“

Er vermeidet Handauflegen. Frau Kremer ist ja kein Huftier. Als sie zehn Minuten später sein Büro verlassen hat, zieht Herr K. nüchtern Bilanz. Er hat sich geradezu bilderbuchmäßig an den Leitfaden von Lars gehalten. Insofern war er dann doch unangenehm überrascht, als sie trotz großzügigem Abfindungsangebot und Garantie einer einjährigen Outplacement-Beratung in Tränen ausbrach.

Pech für Frau Kremer: Erst im zweiten Modul des Führungsworkshops von Lars wird auch Empathie behandelt. Lars verknüpft das Thema dann mit dem Besuch eines Kletterparks im Hochtaunus. Herr K. ist gespannt.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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