Der moderne Mann
Facebook ist für Rentner

Herr K. gilt als kommunikativer Vollwaise. Jetzt twittert er gezwungenermaßen, weil die Mitarbeiter ihre Online-Präsenz stärken sollen. Doch leider ist die Beziehung zwischen Herrn K. und Social Media sehr einseitig.
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Herr K. twittert neuerdings, wenn auch eher fremdbestimmt. Eine „Case Study Evaluation“ seiner Firma war zu dem Ergebnis gekommen, dass er den niedrigsten Social-Media-Koeffizienten seiner gesamten Abteilung hat. Im Klartext: Er gilt als kommunikativer Vollwaise. Selbst sein Kollege Treuenfels kam auf einen höheren Wert. Der diktiert zwar jede SMS seiner Sekretärin, ist aber auch für die Organisation der Weihnachtsfeiern und Konzern-Incentives verantwortlich. 

Social Media scheint für Unternehmen generell das ganz große Ding zu sein. Interaktion mit dem Kunden gilt als wichtig, selbst wenn dieser Kunde eigentlich nur an Entgasungsanlagen oder dem Export von Spundmuffen-Schraubgewinden in die nordöstliche Walachei interessiert ist. Der Vorstand empfahl aufgrund der Studie allen Mitarbeitern, ihre Online-Präsenz zu stärken. Leider ist die Beziehung zwischen Herrn K. und Social Media bis dahin eine eher einseitige Liaison gewesen. 

Als er sich vor zwei Jahren bei Facebook anmeldete, hat ihm seine Tochter (sie war damals 14) sofort erklärt, dass sie sich eher entleiben werde, als seine Freundschaftsanfrage zu akzeptieren. Sein Online-Bekanntenkreis ist danach überschaubar geblieben, bis er vergangene Woche abends seine Familie dazu überredete, mit ihm gemeinsam einen Twitter-Account zu eröffnen. Sein Tweet Nummer eins war schnell getippt: Hallo, hier bin ich ;-) Tweet 2: Ja, ihr, ich bin es wirklich, @HerrnK - man duzt sich in diesen sozialen Netzwerken, was Herrn K. nicht unbedingt entgegenkommt, aber sei's drum. Tweet Nummer drei war ein Link zu seiner Firmen-Homepage. Was soll man sagen: Das Echo der Weltöffentlichkeit hielt sich danach auch trotz dieses leidenschaftlichen Engagements in engen Grenzen. 

Eine Woche später hatte er drei Follower: seine Sekretärin, die Sekretärin von Treuenfels und einen gewissen @Headhunter47, den seine Frau heimlich für ihn erfunden hatte, um @HerrnK für die digitale Community irgendwie interessanter zu machen. Auch bei Facebook waren keine Fortschritte zu erkennen. 

„Facebook ist was für Seniorenwohnheime“, mischte sich irgendwann seine Tochter ein und erklärte eher aus Versehen, wohin die Reise geht: Sie tumblrt, skyped, snapchattet, whatsappt und instagramt. Ihr nüchternes Resümee über das immerhin größte soziale Netzwerk der Erde hat zwar nicht dem Social-Media-Koeffzienten ihres Vaters geholfen, aber ihm selbst: „Facebook ist was für Seniorenwohnheime“, ließ er am Rande eines Town Hall Meetings mit dem Vorstand fallen. Das beeindruckte. 

Nächste Woche soll K. bei einem Vorstands-Get-Together einen Impulsvortrag halten über die Kurzatmigkeit im Social-Media-Gewerbe. Seine Tochter wittert bereits ein Geschäft als Ghostwriterin. Ihre Honorarvorstellungen sind bislang absurd. Aber sie wird gewinnen. Herr K. weiß es. 

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Kommentare zu " Der moderne Mann: Facebook ist für Rentner"

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  • Vmtl dürfte Herr K. eigtl alles richtig machen; vorausgesetzt natürlich, die Fa. für die er arbeitet, legt keinen gesteigerten Wert auf einen (eigenen) FB-Account samt entsprechender kommunikativer Präsenz ihrer MA.
    Herr K. dürfte, auch wenn es ihm nicht bewußt sein sollte, ahnen, dass der Zug für moderne Kommunikation im FB Account, eigene Wege zu gehen scheint.

    FB-Kommunikation mag über das "wie" entscheiden: das "was" indes bleibt was es stets war, entscheidend: es dürfte Herrn K. daher zu wünschen sein, sich zu entscheiden was er zu welchem Zeitpunkt wie kommunizieren möchte und gut vorbereitet darauf zu sein, sollte der FB Channel eforderlich sein für das, was er zu sagen hat resp zu kommunizieren wünscht.

    Schöner Artikel.

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