Der moderne Mann
Fifty Shades of Pleite-Grieche

In der Familie von Herrn K. ist die Griechenland-Krise ausgebrochen. Warum ist dieser Finanzminister, dieser Yanis Varoufakis, auch so außergewöhnlich cool? Kein Wunder, dass Herr K. beim Anzugkauf gereizt reagiert.
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Die Griechenland-Krise erreicht die Familie von Herrn K. - allerdings anders, als man jetzt vielleicht denken mag: Weder wurde bei ihm zu Hause aus Ärger über die Athener Zahlungsmoral schon Gyros oder Zaziki boykottiert. Noch will man sich vom Traum eines Kreta- oder Kos-Urlaubs verabschieden, nur weil manche Griechen uns neuerdings nicht mehr ganz so nett finden wie vielleicht eh noch nie. Es geht eher um Nuancen der Lebenseinstellung. Das merkt Herr K. in dem Moment, als er mit seiner Frau einen neuen Anzug kauft.

Er tritt gerade in einem aschgrauen Einreiher aus der Umkleidekabine, da sagt sie: „Lass das Hemd ruhig raushängen!“ Wie jetzt ... Hemd raushängen? Und während er noch so dasteht, Hemd IN der Hose, wird ihm schlagartig klar, was sie meint: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis läuft immer so rum ... ganz egal, ob er zu Hause in Athen in der Sonne sitzt oder gerade die EU-Spitze bis aufs Blut provoziert. Dauernd hängt das Hemd raus, und dazu grinst dieser Alexis Sorbas der Finanzpolitik mit einer diabolischen Nonchalance, die neidisch macht.

Herr K. ahnt, dass Frauen diesen Mann cool finden. Und er muss tapfer anerkennen: Varoufakis ist 53, sieht aber deutlich dynamischer aus als der acht Jahre jüngere Herr K. Er ist Ökonom, war in Cambridge und ist in zweiter Ehe mit einer über alle Maßen blonden Künstlerin verheiratet, über die selbst „Bild“ nur stammelt: „Kreativ, erfolgreich, schön“. Und man kann jetzt nicht sagen, dass „Bild“ und Griechenland bisher dicke Freunde waren.

Varoufakis hat 310 000 Follower bei Twitter und wirkt, als würde er in seiner Freizeit Bären jagen, Fallschirm springen und schon zum Frühstück milliardenschwere griechische Reeder fressen, denn er ist ja auch noch einer dieser sympathischen Salonkommunisten. Arm, aber sexy in all seinen Facetten - Fifty Shades of Pleite-Grieche quasi.

Andererseits müsste Herrn K.s Frau diesen Finanzprofi eigentlich auch wieder verachten, denn zu den Sparbemühungen seiner Heimat vertritt sie Ansichten, die hier nicht kolportiert werden können, wenn man eine Eskalation der deutsch-griechischen Gereiztheiten vermeiden möchte. Wie also kriegt sie das hin im Spannungsfeld aus persönlichem Faible und ökonomischer Vernunft? Versteh einer die Frauen!

„Gib's doch zu, du findest diesen Varoufakis toll!“, platzt es plötzlich aus ihm raus. „Aber ich bin nicht so! Ich bin ein normaler deutscher Angestellter, der seine Rechnungen pünktlich bezahlt und das Hemd in die Hose steckt, wie es sich gehört ... und ich jage auch keine Bären.“

Seine Frau schaut ihn entgeistert an. „Keine Ahnung, wer dieser Vafudingsbums ist. Ich wollte dir nur ersparen, dass deine Hose zu sehr spannt, denn die ist definitiv zu eng.“ Okay, natürlich hat sie wie immer recht. Aber nun ist er auch noch der fette Deutsche? Der Anzug wird natürlich nicht gekauft. Herr K. schnallt den Gürtel jetzt enger.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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