Der Moderne Mann
„Gefährder“ oder neuer Kollege?

Herr K. hat ein Problem – wie spricht er ihn am besten an, den dunkelhäutigen und womöglich traumatisierten jungen Mann im Foyer? Und ist dessen Rucksack nicht irgendwie verdächtig? Ein Lehrstück über Integration.
  • 1

Zu übersehen ist er natürlich nicht. Wie der Mann da unschlüssig um die Bauhaus-Sitzgruppe im Foyer herumflaniert, fällt er Herrn K. sofort auf, als der selbst frühmorgens in die Firma kommt. Ist der junge Typ nun „Farbiger“, „Schwarzer“ oder jemand „mit afrikanischen Wurzeln“? Da fangen die Fragen schon an – und gehen bis zu: „Gefährder“ aus dem Maghreb oder neuer Kollege aus dem Online-Recruiting?

Herr K. will wirklich nicht rassistisch erscheinen. Das sind ja auch eher Reflexe als wohldurchdachte Hypothesen. Immerhin trägt der Unbekannte trotz der frühsommerlichen Hitze eines dieser weiten Kapuzenshirts und einen Rucksack, in dem alles Mögliche stecken könnte: zwei Einweckgläser laktosefreier Bio-Joghurt mit Litschi-Stachelbeere-Geschmack ebenso wie fünf Kilo Plastiksprengstoff mit Nägeln drin.

Er könnte ein allein reisender Hassprediger sein, aber genauso gut der Verbindungsmann aus dem Refugee-Projekt, das Herrn K.s Firma neuerdings unterstützt. Warum? „Weil man sich als Unternehmen gesellschaftlich einbringen muss“, sagte Frau Dr. Schwielow aus dem Vorstand. „Weil die Schwielow einen Flüchtlings-Fimmel hat“, sagte Koslowski. Weil das billige Werbung ist, sagte Berger aus dem Marketing. „Billiger als mit drei, vier Fatimas als Kurzzeit-Praktikantinnen kommst du gar nicht an die Awareness von wichtigen Influencern.“ Berger meinte es netter, als es klang. Das Projekt hatte dann aber aus anderem Grund echte Probleme.

Als bei der Abteilungs-Party ein Tischfeuerwerk losballerte, verbarrikadierten sich die somalischen Praktikantinnen schreiend im Putzraum der Cafeteria und mussten danach vom psychologischen Notdienst betreut werden. Es ist schwierig, findet Herr K. Alles. So unübersichtlich. Seit die Welt ein Dorf geworden ist, sitzen da sehr unterschiedliche Menschen zusammen: Leute, die wie er mit Mülltrennung, StVO, Mehrkornbrötchen und Zahnersatz-Zusatzversicherungen groß geworden sind. Und … äh … die anderen.

Aber man muss offenbleiben. Deshalb geht Herr K. jetzt direkt auf den dunkelhäutigen Foyer-Besucher zu, sagt „Hallo!“ und streckt ihm die Hand entgegen. Der andere stutzt, deshalb will Herr K. es noch mal klarer versuchen: „Wenn du Probleme … einfach mich frage! Versteh’n? Ich … Stefan.“ Darauf antwortet sein Gegenüber: „Ich bin Mojo Renner, der neue Chef der Cyber-Security-Taskforce. Kann mich aber gar nicht daran erinnern, Ihnen schon das Du angeboten zu haben.“

„Äh, ja“, sagt Herr K. und sieht seinem eigenen Arm zu, wie der langsam herabsinkt. „Das ist ja toll. Ich hab’s nur ...“ - „… gut gemeint, nehm‘ ich an“, ergänzt Herr Renner knapp. „Schon klar.“

Herr K. ist dennoch erleichtert, dass Integration in diesem Fall bis in die Feinheiten deutscher Miesepetrigkeit hinein so außerordentlich erfolgreich war. Was will man mehr?!

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Kommentare zu " Der Moderne Mann: „Gefährder“ oder neuer Kollege?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wenn man den Artikel liest wundert es nur mehr wenig dass diese Menschen solche Politiker wie Merkel und ihre roten und grünen Genossen wählen.



Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%