Der moderne Mann
Gefangen im Karriere-Netzwerk

Die Vergangenheit holt Herrn K. in Form einer Kontakt-Anfrage bei LinkedIn ein. Der Online-Werdegang eines Studienkollegen führt ihn zu der Frage: Was wäre aus ihm geworden, wenn Herr K. sein Profil gepflegt hätte?
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Die Vergangenheit erwischt Herrn K. unvermittelt. Es ist nicht so, dass eine lang vergessene Flamme aus seiner Jugendzeit plötzlich vor seinem Haus stehen und rufen würde: „Heirate mich! Ich bin wieder frei.“ Die Vergangenheit drängt vielmehr eines Morgens aus seiner Mailbox: „Heinz-Hermann Bloschewitz möchte über LinkedIn in Verbindung bleiben.“

Erst konnte er sich nicht mal an Bloschewitz erinnern oder dass er jemals mit ihm in irgendeiner „Verbindung“ stand, die man jetzt auffrischen könnte. Dann fiel Herrn K. zweierlei ein: Während des Studiums saß er tatsächlich mal ein Semester mit einem Heinz-Hermann in einer unglaublich drögen Statistik-Vorlesung. Bloschewitz war ein Idiot in Tennissocken. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Viel schlimmer traf Herrn K. die Erkenntnis, dass er selbst sich vor vielleicht zehn Jahren tatsächlich mal bei LinkedIn angemeldet hatte - aber dann nie wieder dort war.

Man muss ja wissen: Damals, quasi in der Kreidezeit der IT-Ära, war LinkedIn halt eine dieser Internetadressen wie StudiVZ oder MySpace oder SecondLife, die alle bald wieder verschwanden. LinkedIn blieb und wurde immer größer, bis Microsoft im vergangenen Jahr für 26 Milliarden Dollar einstieg. Wahrscheinlich hat LinkedIn mittlerweile mehr Mitglieder als die Nordhalbkugel Einwohner. Millionen alerter Business-Hoffnungen und Personalchefs. Nur er selbst agiert dort mit dem Enthusiasmus einer Karteileiche.

Schon sein Foto muss ja heute uralt wirken. Und die eigene Karriere ebenso eingefroren im Jahr 2007. An ihm vorbei haben sich seither Millionen vernetzt und connected und gebenchmarkt. Und wenn sie auf Herrn K.s Seite kamen, haben sie sich vielleicht gewundert, dass der nie antwortet, dieser arrogante Sack, der sich wohl für was Besseres hält. Und nach ein paar Jahren hat keiner mehr gefragt, weil er so einsam wirkte, was ja durchaus stimmte. Mit dem Netzwerken hatte er es nie so.

Vielleicht könnte Herr K. heute Chef von Eon, Uber oder wenigstens Präsident des Automobilverbandes sein, der angeblich gerade einen neuen sucht. Aber irgendwann haben es die Headhunter mit ihm aufgegeben. Und wenn sich heute noch eine studentische Hilfskraft von Kienbaum zum LinkedIn-Herrn K. verirrt, lacht sie bloß und sagt zur anderen studentischen Hilfskraft: „Guck mal, was der für'n Kack-Sakko trägt.“ Nicht wissend, dass das 2007 sehr angesagt war.

Herr K. sieht seine nie stattgefundene Karriere an sich vorüberziehen. Und seine Stimmung wird nicht dadurch besser, dass er Bloschewitz googelt. Der Idiot in Tennissocken führt heute ein Konglomerat aus 36 Mehrheitsbeteiligungen - vom Fintech-Start-up bis zum MDax-Anwärter aus dem Bereich Biotech. Er muss sich sofort mit Bloschewitz „verbinden.“ In diesem Moment fällt ihm auf, dass er sein LinkedIn-Passwort längst vergessen hat.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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