Der moderne Mann
Genderfrage und Gepäckablage

Der lange Marsch der Frauen in die Führungspositionen hat begonnen. Herr K. freut das. Aber er fühlt sich bisweilen wie ein Müllsack, wenn er den neuen Managerinnen in der Firma begegnet.
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Die Zahl der weiblichen Flugreisenden im innerdeutschen Flugverkehr hat deutlich zugenommen. Herrn K. freut das. Er ist für Diversi... Divider... also für mehr Frauen in Führungspositionen. Ihr langer Marsch durch die Institutionen hat begonnen. Herr K. findet, dass sie dabei sehr tatkräftig wirken, effizient und besser aussehend.

Viel tatkräftiger, effizienter und gut aussehender, als er selbst jemals war. Deshalb ist es für ihn völlig in Ordnung, dass Frau Doktor Schwielow im Vorstand vor kurzem die Bereiche Personal und IT übernommen hat. Sie ist neu in seiner Firma und war vorher bei einer amerikanischen Unternehmensberatung, einem asiatischen Elektronikriesen und sogar mal Trainee bei der Weltbank. Unter anderem. Herr K. fühlt sich bisweilen wie ein Müllsack, wenn er ihr in der Firma begegnet. Sie sitzt jetzt drei Reihen vor Herrn K., allerdings anders als er in der Business Class.

Das heißt, noch steht sie im Gang und kriegt den Deckel des Gepäckablagefachs nicht zu. Die Stauräume sind ja vorne auch nicht anders. Eigentlich eine sehr basisdemokratische Sache, auch wenn Herr K. nicht das Geringste gegen die Klassen-Trennung hat. Der Vorstand fliegt eben Business. Klack, klack, klack. An der großen Kelly Bag von Frau Doktor Schwielow kann es eigentlich nicht liegen. Da schauen zwar zwei Ordner und ihr Laptop raus. Aber das kann man meist irgendwie quetschen.

Warum hilft der Frau denn niemand? Herr K. würde sofort aufspringen, um sie zu unterstützen. Sie versucht gerade, Gepäckstücke anderer Mitreisender umzuschichten. Klack, klack, klack. Klappt immer noch nicht. Herr K. kann nicht raus, er ist auf seinem Fensterplatz in der Economy eingekeilt. Klack. Klack. Frau Schwielows Elan erlahmt langsam. Sie sieht sich hilfesuchend um. Eine blondierte Stewardess kommt angestöckelt und schließt die Ablage mit einem einzigen Handgriff.

Herr K. schätzt die beiden Frauen gleich alt. Ende 30. Die Stewardess hat türkismetallicfarben lackierte Fingernägel mit Strass-Applikationen, Frau Doktor Schwielow hat in Kiel, Bologna und Berkeley studiert. Sie unterstützt an den Wochenenden ein Projekt für sozial benachteiligte Jugendliche, sitzt in zwei Aufsichtsräten, spielt in ihrer knapp bemessenen Freizeit Bratsche in einem Streich-Quintett - und scheitert an dieser fucking Gepäckablage. Für einen Moment schauen sich Herr K. und Frau Doktor Schwielow direkt in die Augen. Zufällig. Sie kennen einander. Flüchtig. Herr K. lächelt. Das Lächeln soll Verständnis heucheln. In Wahrheit ist er einfach furchtbar erleichtert, dass er nicht der einzige Idiot ist, der mit diesen Dingern immer Probleme hat. Bei Frau Doktor Schwielow kommt das Lächeln als Grinsen an. Herr K. weiß in diesem Moment noch nicht, dass er sich in den nächsten Monaten des öfteren wird wehren müssen gegen Vorwürfe, er sei ein genderpolitischer Dinosaurier. Es wird anstrengend werden für ihn. Sehr anstrengend.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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