Der moderne Mann
Gleichberechtigung mal anders

Herrn K. wird bei einem späten Spaziergang in der Fußgängerzone vor Augen geführt, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau schon fortgeschritten ist. Ein Zufall sorgt dafür, dass er davon profitieren kann.
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Dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf gutem Weg ist, ahnt Herr K., als in der Fußgängerzone abends kurz vor Ladenschluss ein Mob von sieben johlenden Frauen direkt auf ihn zutorkelt. Ganz offenkundig handelt es sich um einen „JGA“, was heute die Kurzform von „Junggesellinnenabschied“ sein soll. Herr K. hat erst jüngst in der Zeitung gelesen, dass das Geschäft darum herum mittlerweile boomt.

Früher wurde derlei nur für Herren angeboten: mit Tüv-geprüftem „Bier-Bike“, obligatorischem Besuch einer Strip-Bar und dem Erwerb einer aufblasbaren Gummipuppe, die der Bräutigam dann einigermaßen würdelos durch die „Amüsiermeile“ seiner jeweiligen Heimatstadt tragen musste. Dazu werden auch Passanten gern mit weiteren Alkoholika belästigt, deren Zusammensetzung mit Namen wie „Froschkotze“ ausreichend beschrieben ist. Herr K. stammt aus einer Zeit, als man noch Omas altes Geschirr zerdepperte und das Ganze „Polterabend“ nannte. Es war meist so lustig wie eine Haustierbestattung, ästhetisch aber auch weniger fragwürdig.

Die Damen zum Beispiel, die nun auf Herrn K. zukommen, tragen als Haarreif pinkfarbene Hasenohren in Plüsch und auf dazu passenden T-Shirts die Aufschrift: „Bitch Alarm“. „Oleeeee, oleeeee“, kreischt in ihrer Mitte gerade jene, die sich Dank eines kleinen Schleierchens als Braut identifizieren lässt. Wer es nett formulieren möchte, würde sagen: Die junge Frau ist ausgelassen. Dass hier aber keine Vertreterinnen aus eher bildungsfernen Schichten unterwegs sind, sondern Unternehmensberaterinnen, Juristinnen, Ärztinnen – das merkt er schon an ihren Handtaschen und den kecken 7/8-Chino-Hosen, die das Septett unter den Tutus trägt.

Herr K. will es gerade gut finden, dass Frauen aller soziodemografischen Sphären sich endlich genauso zum Affen machen können, dürfen und auch wollen, wie Männer das seit Jahrhunderten tun. Er will sich also gerade freuen über so viel Annäherung der Geschlechter, als aus dem pinkfarbenen Rudel eine Frau herausbricht und mit einem Lutscher in Penisform herumfuchtelnd schreit: „Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, zack zack … Proooooost“ und mit einer gewissen Grobmotorik eine halb leere Rotkäppchen-Flasche schwenkt. Es ist Frau Doktor Schwielow, die im Vorstand seiner Firma unter anderem für Corporate Social Responsibility zuständig ist.

Er erkennt sie sofort. Und auch Frau Doktor Schwielow erkennt Herrn K., kommt auf ihn zu, umarmt ihn und zischt ihm ins Ohr: „Ich bin stocknüchtern. Aber manchmal muss man eben mitschwimmen. Wenn Sie irgendjemandem in der Firma von heute erzählen ... Verstehen wir uns?“ Und während sie sich laut „Oleeee“ schreiend wieder von ihm abstößt, weiß Herr K., dass er jetzt einen gut hat bei ihr. Auch beim Thema Seilschaften sind gemischtgeschlechtliche Teams längst von Vorteil.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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