Der moderne Mann
In den Fängen der Globalisierung

Der Sohn von Herrn K. hat das kritische Hinterfragen gelernt. Doch Herr K. ist sich sicher, dass er das Warum-Spiel gewinnen kann – indem er seinem Sechsjährigen die Globalisierung erklärt.
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„Warum bist du so blass?“, fragt der sechsjährige Sohn von Herrn K. „Weil ich zurzeit noch mehr zu tun habe als sonst“, antwortet Herr K. Das stimmt zwar nur bedingt, aber da denkt er noch, er könnte das Gespräch schnell beenden.

„Warum?“ „Weil meine Abteilung gerade mit einer ganz ähnlichen einer anderen Firma verschmolzen werden könnte.“ – „Warum?“

Herr K. hat sich vor langer Zeit vorgenommen, seine beiden Kinder wie Erwachsene zu behandeln und entsprechend mit ihnen zu kommunizieren. Nicht auf diesem Dutzi-Dutzi-Level, sondern auf Augenhöhe. Wenn seine Sekretärin das nun hören könnte, würde sie in sich hineinlachen und glucksen: „Es reicht ja, wenn er seine Angestellten wie Kinder behandelt.“

Herr K. schaut sein Kind an: Warumwarum? „Weil der amerikanische Private-Equity-Fonds Greystoke gern meine gesamte Firma kaufen würde, aber ein ähnliches Unternehmen schon besitzt und entsprechend durch Verschmelzung vergleichbarer Units Synergien heben würde.“

Ein einziges Mal schaltet sich seine Frau ein: „Ist Greystoke nicht auch der ‚Herr der Affen‘ gewesen? Christopher Lambert und so ...“ Sie steht am Herd und schüttet gerade hochkonzentriert das Pulver einer Maggi-Tüte in eine Pfanne. Wahrscheinlich gibt es sizilianische Nudelpfanne oder so was. „Warum?“, fragt das Kind weiter.

„Warum was?“, fragt Herr K., der für einen kurzen Moment unbeherrscht wirkt, dann fängt er sich wieder. In den Comic-Heften seiner Kindheit wäre seine nächste Sprechblase von Blüten umkränzt: „Du meinst, warum Greystoke Synergien heben will, mein Schatz?“ Sein Kind starrt ihn an und nickt langsam: „Hmmmm.“ – „Weil Greystoke Personalkosten sparen möchte, indem es manche Dinge künftig nicht von zwei Leuten, sondern von einer Person erledigen lässt. Das wiederum steigert die Gewinne, worauf es Greystoke vor allem ankommt.“ Das Warum-Spiel fängt an, ihm Spaß zu machen. Er ist sich jetzt sicher, dass er gewinnen wird. Die Nudeln brutzeln lautstark in der Pfanne vor sich hin.

„Warum?“ – „Nun, weil Greystoke wiederum zu 50,1 Prozent einer börsennotierten britischen Holding gehört. Die Sperrminorität eines russischen Oligarchen lasse ich jetzt mal außen vor. Wichtig ist, mein Sohn, wer hinter der Holding steckt: drei angloamerikanische Pensionsfonds, ein deutscher Versicherungskonzern sowie – über eine eher komplexe Verbindung auf den Cayman Islands – auch Teile des saudischen Königshauses. Kannst du mir noch folgen? Ja? Und die wollen alle mehr Geld verdienen, damit sie ihren Kindern die neue Wii, ein Pferd oder einen goldmattierten Mini-Ferrari schenken können. Deshalb muss dein Papa jetzt gucken, wo er bleibt.“ In diesem Augenblick fällt seiner Frau die Pfanne scheppernd auf die Terrakotta-Fliesen, und sie zischt: „Sch...eibenkleister!“ Sie schaut ihren Mann an. Das Kind schaut jetzt Frau K. an: „Warum?“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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