Der moderne Mann Ist das jetzt ein Jour fixe, Kick-off oder Impuls-Summit?

In jedem Meeting wird auf dem Handy gedaddelt. Herr K. fragt sich: Wie hat man eigentlich vor Smartphones Konferenzen geführt – und überlebt?
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com
Herr K. – der moderne Mann

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Eigentlich ist alles wie immer: Herr K. sitzt mit sechs Kollegen in einem Konferenzraum, und niemand hört ihm zu. Es ist ein Jour fixe, Kick-off oder Impuls-Summit. So genau weiß das auch Herr K. jetzt gerade nicht, obwohl er sich dunkel erinnert, dass er selbst der Einladende war.

Jedenfalls ist es kein Townhall-Meeting. Und auch ein Hackathon sieht anders aus. So was hatten sie neulich erst. Obwohl Herr K. als digitale Blindschleiche ohnehin nicht eingeladen war, sah er in der Firma den ganzen Tag junge Menschen herumschlurfen, die mit allen Nerd-Klischees aufs Engste vertraut schienen: Kapuzenshirts, algenfarbene Smoothies in Fjällräven-Rucksäcken und Laptops, die nur noch von Aufklebern der letzten zehn re:publicas und C3-Cons zusammengehalten wurden.

Vielleicht ist das hier auch eine Con? „Lassen Sie uns also gemeinsam in der nächsten halben Stunde proaktiv ...“ hört Herr K. sich selbst beim Reden zu, ohne zu verstehen, worum es ihm geht. Er kann das. Abrufbare Textbausteine zusammenbasteln, auf dass sie einen konsequent sinnfreien Zusammenhang ergeben. Und während er so darüber redet, dass „der Effizienz-Bias multikausal gebenchmarkt werden muss“, kann er seine Pappenheimer genau studieren:

Frau Stibbenbrook aus der Rechtsabteilung hat das Handy wenigstens noch schamhaft unter der Tischplatte versteckt und bestellt sich wahrscheinlich bei Zalando gerade ein „trendiges Frühlingsoutfit“. Koslowski und Berger daddeln und wischen dagegen ganz offen auf ihren Geräten herum. Die Ruhe wird nur gestört, als Koslowskis Handy plötzlich in voller Lautstärke ein Youtube-Tutorial der „Thermifee“ abspielt. Wie immer in solchen Fällen kriegt er die Störung erst exakt in jenem Moment in den Griff, als auch der Allerletzte wieder kurz zu Herrn K. aufschaut.

Wie hat man eigentlich vor der Erfindung des Smartphones Konferenzen geführt – und überlebt? Haben sich die Leute da wirklich mehr zugehört? Herr K. kann sich erinnern, dass er damals immer so tat, als mache er sich eifrig Notizen. In Wahrheit umschnörkelte er mit dem Kugelschreiber in seinem Moleskine-Tagebuch nur den Speiseplan der Kantine.

Immerhin: Nach fünf weiteren Minuten einschläfernden Monologs über „innovative Open-Source-Kompetenzen“ hat Herr K. sie wieder so weit narkotisiert, dass er ins Bullshit-Bingo auch ein paar Wahrheiten einbauen kann in der Art: „Social Awareness hat heute ein anderes Narrativ: Ihr Napfgesichter hört mir eh nicht zu.“

Die restlichen zehn Minuten beschimpft er sie fröhlich, nicht ohne seine Attacken einzubetten in viel „Win-win-Perzeption“ und „postgraduellen Sales-Funnel“. Dass man sich in Konferenzen heute so wenig auf die Konferenzen konzentriert, muss also gar nichts Schlechtes sein, findet er – und wird jetzt öfter kickoffen und jourfixen. Es tut gut, mal die Wahrheit sagen zu können.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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