Der moderne Mann
Kennst du ... Kreisverkehrswacht Vechta?

Herr K. soll seinen „Social-Media-Koeffizienten“ steigern. Doch warum weiß Facebook eigentlich so wenig von ihm, und wieso soll er sich eigentlich mit der Kreisverkehrswacht und Marxisten anfreunden?
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Das Verhältnis zwischen Herrn K. und sozialen Netzwerken ist überschaubar. Das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn er nicht immer noch von seiner Geschäftsleitung angehalten würde, seinen „Social-Media-Koeffizienten“ zu steigern. Gut, man sollte das nicht wie K.s Kollege Koslowski angehen, der es bei Twitter mit einem einzigen frauenfeindlichen Satz zu veritablem Shitstorm, Abmahnung und der Einladung zu einem Gender-Awareness-Wochenende in der Südeifel brachte. Aber eher durch Zufall hat es Herr K. nun immerhin geschafft, das Geschäftsgeheimnis von Facebook zu enthüllen, das ihn bislang mit zwei Sorten regelmäßiger Post belästigt.

Die eine Sorte beginnt mit: „Du hast mehr Freunde auf Facebook, als du denkst.“ Am Anfang glaubte er noch, da warte also schon seit Tagen Lady Gaga oder wenigstens Frau Doktor Schwielow aus dem Vorstand auf Nachrichten von ihm. Aber jedes Mal, wenn er die Plattform besuchte, hatte sich gar nichts verändert, und Herr K. wurde das Gefühl nicht los, dass er nur deshalb zu Facebook gelockt worden war, damit er eben bei Facebook ist.

Die andere Art von automatisierter Post fragt ihn zum Beispiel: „Kennst du Rainer Drexel, Kreisverkehrswacht Vechta und sieben andere Personen?“ Zu den „sieben anderen Personen“ gehören eine gewisse Beate Landefeld (die offenkundig bei den Marxistischen Blättern arbeitet, die er weder abonniert hat noch kennt) und Florian Streier, der als „Singer-Songwriter bei Familie Staub“ charakterisiert wird, von der Herr K. ebenfalls noch nie gehört hat.

Er fragt sich, wie Facebook alias Datenkrake mit all seinen raffinierten Algorithmen sich in seinem Fall so irren kann.

Es hat beinahe etwas Tröstliches, dass dieser Multi-Milliarden-Konzern so wenig von ihm weiß, denkt er, als ihm auf einmal dämmert: Wenn er jetzt die Kreisverkehrswacht Vechta als „FreundIn hinzufügen“ würde, dann bekäme irgendein unbescholtener Verkehrswachtler in Vechta eine Mail, in der es hieße: „Herr K. möchte mit dir auf Facebook befreundet sein“ - was natürlich nicht stimmt, aber so läuft das Spiel: Man erzählt A von dem netten B. Dann geht man zu Bund raunt, dass A sich nicht traut, den ersten Schritt zu machen ... So vernetzt man in wenigen Jahren die gesamte Menschheit. Und dabei begann alles mit einer Lüge.

Herr K. sitzt vor dem Computer im Büro und sieht auf einmal klar: Facebook verkuppelt die Welt ja nicht aus Nächstenliebe. Nur wer kommuniziert, produziert Daten. Und nur wer Daten produziert, ist in der Facebook-Welt ein gutes Produkt, das sich als Zielscheibe der werbetreibenden Industrie verkaufen lässt.

„Ich hab euch“, denkt Herr K. Er sieht sich schon als „Enthüllungsautor“ durch internationale Talkshows tingeln, als er erneut Post bekommt. In der „Möchte mit dir auf Facebook befreundet sein“-Liste steht ... seine Tochter. Plötzlich bricht seine ganze Theorie in sich zusammen. Denn die Zuneigung seiner Tochter kann ja nicht gelogen sein, oder? Oder?

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Kommentare zu " Der moderne Mann: Kennst du ... Kreisverkehrswacht Vechta?"

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  • Gähn. Einmal pro Woche kommt das obligatorische Unverständnis für das Internet und die sozialen Netze zu Wort. Egal, wer es schreibt: es l a n g w e i l t entsetzlich. Vielleicht kann auch Herr K. und der Rest der Redaktion begreifen, dass die Welt nicht 1990 stehen geblieben ist. Das kann man bestenfalls bedauern, wobei aber einmal reicht. Es muss doch auch noch andere und interessantere Themen geben, zu denen die wohlverdienten Schreiber vielleicht sinnvoller ihre Tinte lassen könnten, um ihre Rente ein wenig aufzubessern...

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