Der moderne Mann
Kindergeburtstag im Darkroom

Der Sohnemann von Herrn K. will eine Geburtstagsfeier. Doch der emsige Familienvater stellt schnell fest: Eierlaufen und Sackhüpfen reichen heute nicht mehr. Was man(n) heute bieten muss.
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Es heißt zurzeit gern: Verglichen mit den schwarz-gelb-grünen Regierungskonsultationen sei die Große Koalition ein Kindergeburtstag gewesen. Das ist eine unverschämte Verharmlosung des deutschen Kindergeburtstags, findet Herr K. Er weiß, wovon er spricht, denn er musste gerade einen organisieren. Gegen die Hochrüstung in dieser Branche war der Kalte Krieg in den achtziger Jahren ... genau: Kindergeburtstag.

Es reicht ja längst nicht mehr, dass man den Nachwuchs mit Eierlaufen und Sackhüpfen ködert. Herrn K.s nun bald siebenjähriger Sohn war neulich bei der Party seines Buddys Max-Emanuel, wo dann selbst die klassische Schnitzeljagd leicht aus dem Ruder lief. Irgendwas war beim Geocaching im Stadtpark schiefgegangen, so dass man zwei der minderjährigen Gäste erst am nächsten Abend ausgezehrt, aber fröhlich in den Müllcontainern eines Discounters im Nachbarort fand. Die Eltern der Vermissten (alles Juristen) fanden das weniger komisch.

Herr K. war also gewarnt, als er nach Alternativen suchte. Was darf’s denn sein? Ein Erlebnisbauernhof mit „Selbermelk-Event“? Exklusivkonzert der „Lochis“ im Wohnzimmer? Übernachtungsparty im Spaßbad? Als Herr K. im Wildpark fragte, was die Geburtstagsgesellschaft an die drei Braunbären verfüttere („doch hoffentlich nix Lebendes“), sagte die Tierpfleger-Praktikantin: „Immer das schwächste Kind. Wird natürlich vorher betäubt.“

Es half nichts, dass sie noch hinter ihm her schrie: „Das war ein Scheheeerz!“ Kindergeburtstage sind nicht witzig, sondern Materialschlachten. Die Ramelows hatten für ihre Sophie-Antoinette und deren Freundinnen jüngst eine kleine Nostalgie-Kirmes bestellt mit Mäusezirkus, Wahrsagerin und Food-Truck, der Buletten vom zertifizierten Biohof und veganes Popcorn anbot. Es war Sophie-Antoinettes zweiter Geburtstag.

Da war Herr K. dann doch erleichtert, als sein Sohn sich „nur“ den Ausflug zu einem Indoor-Spielplatz wünschte. Wobei ein erster Check ebenfalls problematisch ausfiel: In der ersten Halle stank der Darkroom (komischerweise scheint es ein ungeschriebenes Indoor-Spielplatz-Gesetz zu geben, dass man immer eine Art lustige Dunkelkammer braucht) wie ein Eimer mit vollen Windeln. In der zweiten schreckten Herrn K. die verwaisten Mütter ab, die an leeren Zwölfertischen mit glasigen Augen auf „Pommes satt“-Wannen starrten, als litten sie unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Die dritte wurde von doch arg bildungsfernen Schichten dominiert. Und die vierte musste Herr K. gar nicht erst ausprobieren, weil sein Sohn kurz vor der Party Windpocken bekam.

Das Spektakel konnte guten Gewissens vertagt werden. Vorerst. Gegen Kindergeburtstage sind Koalitionsverhandlungen jedenfalls wie ... hm ... Waldorf-Kindergärten. Aber die sind ein anderes Thema. Und eine andere Kolumne.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Kommentare zu " Der moderne Mann: Kindergeburtstag im Darkroom"

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  • "Kindergeburtstage sind nicht witzig, sondern Materialschlachten"

    "Zu Materialschlachten verkommen", würde ich ergänzen.

    Dazu fällt mir der erste Geburtstag meiner Nichte (heute im Teeniealter) ein, an dem sich die liebe Verwandschaft beim Buhlen um deren Aufmerksamkeit größte Mühe gab, sich mit ihren Geschenken gegenseitig zu übertreffen.

    Die interessierte sich allerdings fast nur für das bunte, knisternde, faltbare (und sogar reißfähige) Geschenkpapier. Und beschäftigte sich stundenlang ausschließlich damit.

    Jaja, zuviel Zeug belastet. In jeder Hinsicht.

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