Der moderne Mann
Mussolini für Deutschland

Das Nichtstun gehört nicht gerade zu den Stärken von Herrn K. Und doch ist unser Kolumnist nach zehn Tagen Urlaub derart lässig drauf wie seit langem nicht mehr. Wäre da nicht ein italienischer Taxifahrer.
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Er würde nicht sagen, dass Verspanntheit sein zweiter Vorname ist. Aber Herr K. ist doch selbstkritisch genug zu wissen, dass das Dolcefarniente nicht gerade zu den größten von ihm kultivierten Talenten zählt. Insofern ist er durchaus überrascht, wie lässig er für seine Verhältnisse nach zehn Urlaubstagen geworden ist.

Es gab zum Beispiel keinerlei Ehekrach. Streitigkeiten brechen ja gern dann aus, wenn Menschen auf engstem Raum aufeinander hocken müssen, also bei Strafgefangenen oder Familien im Urlaub. Herrn K.s Bartstoppeln kratzen kaum noch, sondern fühlen sich nach Freiheit an.

Er hat sogar fast die Existenz seines Handys verdrängt, das seine Frau weiterhin versteckt hält. Und er hat ihr mittlerweile den überraschenden Vorschlag gemacht, alles zu verkaufen und hier in der Sonne Süditaliens einen Blumenladen aufzumachen.

An solchen Idee erkennt sie immer, dass es Zeit wird, wieder nach Hause zu fahren. In früheren Ferien wollte er auch schon eine Schwimmschule an der spanischen Atlantikküste eröffnen, in Südtirol Mufflons züchten und auf dem Peloponnes einen Kiosk starten.

Was man als Führungskraft eben so machen möchte, wenn man plötzlich in Flipflops durchs Leben latscht und zu einer Besinnung kommt, die nicht nur kreativ ist. Seine Frau konnte sich nichts Tolleres vorstellen, als alle Brücken nach Deutschland abzubrechen, um in Positano fortan Primeln zu verhökern.

Das Einzige, was Herrn K. die ganzen Ferien über anstrengte, war der konsequente Versuch, nicht als Deutscher wahrgenommen zu werden. Abends beim Essen waren die deutschen Familien meist die leisesten. „Ciao Antonio!“, sagte Herr K. dann am Ende immer zum Maître und drängte ihm händeschüttelnd fünf Euro auf.

Es sollte ein bisschen nach freundlichem Paten aussehen: „Ich macke dir eine Angebot, das du nis ablännen kannse.“ Aber Herr K. gibt im Urlaub gern Trinkgeld. Wenn schon der Zahlmeister Europas, dann wenigstens richtig.

Menschen wie Antonio verbinden mit Deutschland Bayern München, Mercedes und friedliche Wiedervereinigung, wenn man Glück hat. Dieses Glück hat Herr K. nicht immer. Auf dem Rückweg zum Flughafen Neapel erwischt er einen Taxifahrer, der Deutschland obsessiv verehrt.

Nach zwei Kilometern lobt er den FC Bayern, nach vier Kilometern die Sauberkeit und Disziplin. Nach sechs Kilometern klappt er die Sonnenblende runter, zeigt ein vergilbtes Foto von Hitler und Mussolini und knufft Herrn K. verschwörerisch in die Hüfte. Ach du Kacke, denkt Herr K., wie soll er er aus der Nummer heil rauskommen? Entrüstet Distanz schaffen? Verlegen zurücklächeln und nixe verstehe? Brüderschaft trinken?

Er hätte sich bei seiner Entscheidung etwas mehr Unterstützung seiner Familie gewünscht, zumal Herr K. es selbst nicht besonders prickelnd fand, die letzten fünf Kilometer mit den schweren Rollkoffern zu Fuß am Rande der Autostrada zum Airport stolpern zu müssen.

Folge L: Herr K. macht Sommerferien (letzter Teil)

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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