Der moderne Mann
Nieder mit dem Spitzensteuersatz!

Alle Welt streikt, neuerdings gehen sogar Eltern auf die Straße. Auch Herr K. würde gerne mal protestieren. Vielleicht gegen zu hohe Steuern? Auf jeden Fall müsste es moderner organisiert werden als bei Verdi.
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Kindergärtner und - innen, Lokführer, Piloten - alle Welt streikt. Demnächst vielleicht auch noch Bestatter, Floristen oder Kleintierzüchter? Neuerdings gehen ja sogar Eltern auf die Straße, offenbar ihrerseits wiederum aus Protest gegen den Kita-Ausstand. Herr K. ahnt: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Flashmobs von Hello-Kitty-Gören in Sternmärschen die Innenstädte erobern aus Ärger über ihre sich Vollzeit in ihrem Angestelltendasein verwirklichenden Eltern. Nur für mittlere Führungskräfte mittleren Alters wie ihn bleibt der Weg des öffentlichen Protests verschlossen. Warum eigentlich?, fragt er sich.

Er würde auch gern mal streiken. Gut, man müsste es moderner organisieren als zum Beispiel Verdi. Herr K. schätzt, dass die Dienstleistungsgewerkschaft irgendwo ein Zentrallager hat, wo man alles bestellen kann, was das Demo-Herz an Klischee-Beigaben begehrt. Etwa die obligatorischen Pappsärge, in denen immer irgendwas zu Grabe getragen wird, mit Vorliebe die „Solidarität“ an sich. Wahrscheinlich kann man dort auch das Trillerpfeifen-Set „Bsirske 4.0“ oder das „Rosa Luxemburg Basis Package Classic Edition“ bestellen samt roten Leibchen und Transparenten mit diversen Slogan-Varianten („Nicht mit uns!“ oder einfach nur „Gerechtigkeit“).

Am elendsten kommt die GDL rüber, nicht nur unter ästhetischen Aspekten: Wann immer man die Lokführer in jüngster Vergangenheit sah, lungerten sie in kleinen Grüppchen auf leeren Bahnsteigen herum und trugen bleiche Plastiksäcke als Jacken. Was wird angesichts solcher Bilder aus dem einstigen Jungens-Traum, Lokomotivführer zu werden? Was sagen Märklin & Co. zu dem geschäftsschädigenden Verhalten? Und streikt demnächst auch das Hamburger Miniaturwunderland aus Protest gegen die GDL? Denn dann kommt ja immer gleich der Lok- und Gewerkschaftsführer Claus Weselsky und sächselt hyperventilierend: „Mior ham die Foggsn longsom digge. Örschndwann reischds. Uns stähds bis hior!“ Er macht keinen guten Eindruck, egal, ob er gerade die Republik lahmlegt oder gönnerhaft einen Schlichter akzeptiert.

Herr K. würde wirklich gern mal protestieren: gegen Mitarbeiter, die sich morgens per Mail krankmelden und dann die ganze Woche über nicht mehr auftauchen. Gegen die immer gleichen Keksmischungen in den Konferenzen. Oder gegen Kollegen, die nachts um ein Uhr Mails verschicken, in denen man selbst nur cc ist. Andererseits: Das sähe sicher komisch aus, wenn eine Horde weißer, überwiegend heterosexueller Langweiler wie er in dunklen Anzügen am Brandenburger Tor aufmarschierte. Leistungsträger. Bruttosozialproduktssteigerer. Herr K. ahnt, dass sich die Sympathien der Bevölkerung in Grenzen hielten.

Seine Frau lacht: „Und auf euren Rollkoffern steht dann: 'Nieder mit dem Spitzensteuersatz!'“ „Genau“, lächelt Herr K. „Oder 'Mehr Beinfreiheit in der Economy!'“ Okay, die Revolution der gehobenen deutschen Mittelschicht muss erneut verschoben werden.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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