Der moderne Mann

Nordmann war gestern

Einen moralisch einwandfreien und nachhaltigen Weihnachtsbaum zu finden ist nicht einfach. Doch statt Nordmann eine Leih-Rotfichte aus der Waldbauern-Genossenschaft mit Greenpeace-Zertifikat ist auch keine Lösung.
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com
Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Auch der Kauf eines Weihnachtsbaums war in früheren Zeiten einfacher. Weil moralisch weniger angreifbar. Das denkt sich Herr K., als er mit seiner 16-jährigen Tochter bei ihrem lokalen Baumhändler die Suche beginnt. Man fragt sich ja, was diese Herren (Damen hat er in der Branche noch nie erlebt) im Rest des Jahres machen. Aber das wäre eine andere Kolumne. Jedenfalls ist sich Herr K. sofort einig, leider nur mit sich selbst: Eine wohlgeratene Nordmanntanne soll es sein für 19,99 Euro.

„Kann ich dich mal kurz sprechen?“, zieht ihn seine Tochter hinter die angelehnten Nadelhölzer. „Du weißt schon, dass die aus echten Tannen-KZs kommen, oder? Nachhaltig ist da nichts außer den mafiaähnlichen Strukturen der Dealer. Und überhaupt: Nordmanntanne ... das ist quasi die Ratte unter den Weihnachtsbäumen ... extrem expansionsfreudig und so widerstandsfähig, dass sie wahrscheinlich sogar einen nordkoreanischen Atomangriff überleben würde.´“

„Prima“, dann haben wir von Kim Jong Un an Heiligabend ja nix zu befürchten“, sagt Herr K. „Nimmst du mich nicht ernst, oder was?“, sagt seine Tochter. „Und du weißt schon, dass diese ...“, sie stockt, „... Dinger auch noch mit allen Arten von Pestiziden, Konservierungsstoffen und Duftsprays behandelt werden!“

Es hat keinen Sinn. Herr K. sieht es ein, macht aber einen Vorschlag zur Güte: „Du suchst was Nachhaltiges. Und ich besorg‘ es dann.“ Die Internetrecherche seiner Tochter hat nach wenigen Tagen den richtigen Baum ... eine Leih-Rotfichte aus einer erzgebirgischen Waldbauern-Genossenschaft mit Greenpeace-Zertifikat. Zehn Prozent des Kaufpreises fließen zudem in eine Partner-Kooperative indonesischer Palmöl-Bauern. Man muss die Fichte allerdings selbst ausgraben und bis Silvester zurückbringen. Tree-Sharing ist hip.

„Klar“, sagt Herr K. „Mach‘ ich.“ Er will jetzt keinen weiteren Streit anfangen über die Ökobilanz einer SUV-Fahrt ins Erzgebirge. Zwei Tage später steht eine melancholisch zerfurchte Baumruine in ihrem Wohnzimmer. Herrn K.s Frau ist entsetzt: „Sieht aus wie ein spätes Tschernobyl-Opfer.“ Seine Tochter ist begeistert: „Endlich mal nicht so ein hochgezüchtetes Nadel-Monster.“

Was Herr K. nicht verrät: dass er dieses ... Ding ... doch bei ihrem lokalen Christbaum-Dealer gekauft hat. Er war allein noch mal hingefahren und schaute nach den hässlichsten Gewächsen, die der Mann zu bieten hatte. Und der hatte viele: „Drei Reihen in Öko-Optik - eingetopft.“ Das Rumpelstilzchen unter den Bäumchen sollte es sein. „Macht neunundachtzigfuffzich“, sagte der Platzwart. Als Herr K. protestieren wollte, bekam er zu hören: „Was glauben Sie, wie viele heutzutage irgendwas Authentisch-Nachhaltiges wollen. Und ist deutlich billiger als ein Tagestrip ins Erzgebirge, oder?“ Herr K. ist immer wieder begeistert, wie anpassungsfähig der Kapitalismus sein kann.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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