Der moderne Mann
Ra… Ra… Rasputin

Die Verbartung ist nicht mehr aufzuhalten: Schnauzbart, Vollbart, Backenbart – sie sind jetzt überall. Auch Herr K. kam aus dem Urlaub mit einer fusseligen Matte zurück. Für die hat er zwei Verantwortliche ausgemacht.
  • 0

Die Verbartung der Bundesrepublik ist nicht mehr aufzuhalten: Schnauzbart, Vollbart, Ziegenbart, Backenbart, Fusselbart - sie sind jetzt überall. Früher hatte allenfalls der “Witz mit Bart“ eine gewisse Tradition hierzulande, demnächst werden “Brigitte“ oder “Emma“ womöglich noch ein Special zum Thema Damenbart launchen.

Auch Herr K. kam aus dem Sommerurlaub mit einer - sagen wir mal - fusseligen Matte zurück, für die er zwei Verantwortliche ausgemacht hat: seine Frau (beziehungsweise die gesamte weibliche Bevölkerung der Bundesrepublik, worauf wir noch zurückkommen werden) sowie den Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank, Paul Achleitner. Beides ist erklärungsbedürftig, denn vor Herrn Achleitner war ja schon Kai Diekmann mit einem talibanesken Gesichtsteppich aus dem Silicon Valley zurückgekehrt. Wobei die Verwandlung des “Bild“-Chefredakteurs für Herrn K. weniger Vorbild als Warnung war: So also endet man, wenn die Sonne Kaliforniens ein bisschen zu heiß glüht.

Mit Herrn Achleitner verhielt es sich anders, zumal der als echtes Vorbild hiesiger Wirtschaftsmacht gelten darf: Irgendwann im Frühjahr war er plötzlich bebartet. Hatte Frau Professor Achleitner ihrem Gatten am ersten Urlaubsabend zugeraunt: “Lass einfach mal wachsen, Paul! Es könnte dich noch verwegener machen, als du natürlich eh schon bist.“ Vielleicht sollte es Entschlossenheit demonstrieren. Führungsstärke. All das wurde Herrn Achleitner zu diesem Zeitpunkt ja durchaus abverlangt in der Krise der Bank.

Herr K. weiß es natürlich nicht, aber bei ihm lief zumindest das mit der Frau so ab. Überhaupt nimmt er an, dass das Gros der Bart-Entscheidungen nicht von den späteren -Trägern, sondern deren Partnerinnen getroffen wird: “Wahrscheinlich konnten die einfach unsere Hackfressen nicht mehr ertragen“, sagte der in dieser Hinsicht doch sehr direkte Koslowski in der Kantine. “Und deshalb müssen wir uns für sie verändern.“ Er trug das Tablett und einen neuen Schnauzer. Dazu gesellte sich Berger aus dem Marketing, dem sie mittlerweile selbst in seiner eigenen Abteilung den alten Boney-M-Song “Ra... Ra... Rasputin“ hinterhersingen.

Herr K. kann sich noch erinnern, dass so wie jetzt er vor vielen Jahren auch manche seiner Lehrer aussahen. Das waren gar keine 68er-Relikte. Sicher hatten die schon damals Frauen, die ihnen sagten: “Lass einfach mal wachsen.“ Und die Pädagogen fanden sich gleich viel härter, als es ihr jobbedingter Background (Sozialkunde etc.) zuließ.

Herr K. findet sich jetzt auch hipper, einfach, weil seine Frau es sagt. Bis zu dem Zeitpunkt, als er in einem Elektromarkt einen Barttrimmer kaufen will, den er nun ja braucht. Riesige Grabbeltische stehen dort schon bereit. Die Industrie ist längst eingestellt auf Leute wie ihn. Seither macht er sich ein bisschen Sorgen, denn er weiß: Wenn er mal einem Trend nachgibt, ist der eigentlich schon vorbei.

Folge LII: Wie das Thema Bart Herrn K. erreicht hat.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

Kommentare zu " Der moderne Mann: Ra… Ra… Rasputin"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%