Der moderne Mann
Schatt ab jor Maus plies!

Die Weihnachtszeit stimmt Herrn K. irgendwie sentimental und nachdenklich. Das merkt er vor allem in der Bahn. Dort setzt er sich überraschenderweise für das Personal ein und wird zum Rächer der Armen und Entrechteten.

Weihnachtsatmosphäre im Bordbistro der Deutschen Bahn bedeutet: Ein anderer Reisender hat einen angefressenen Schokoladen-Nikolaus auf dem marmorierten Stehtisch liegen lassen. Herr K. schiebt ihn zur Seite und beugt sich über einen Napf Chili con Carne, als sein mitfahrender Kollege Koslowski über den Tisch gluckst: „Gleich isses wieder so weit.“ Kurz darauf sagt die knarzige Mikrofonstimme: „Sänk ju vor tschusing Deutsche Bahn.“

Herr K. findet, dass es an der Zeit ist, eine Ehrenrettung zu starten: „Und ... Koslowski, kommt noch was? Oder finden Sie’s einfach nur komisch, dass nicht jeder kleine Service-Angestellte hier im Zug mindestens einen Harvard-Abschluss in Quantenphysik hat?“ Koslowski ist zwar eine lebende Latrinenparole, hat aber ein untrügliches Gespür für Gefahr. In diesem Fall zu spät, auch wenn er noch Gegenwehr versucht: „Ich meinte doch ...“

„Sie glauben gar nicht, wie satt ich dieses überhebliche Gegrinse habe, wenn ein Zugschaffner nicht in geschliffenstem Oxford-Englisch seine Reisenden begrüßt! Was erwarten wir von ihm? Dass er den nächsten Medizin-Nobelpreis gewinnt oder VW rettet? Der Mann hat vielleicht einen ordentlichen Realschulabschluss und sich das bisschen Englisch, das er nun können muss, in mühsamen Abendkursen draufgeschafft. Aber für uns deutsche Akademiker ist er natürlich eine Witzfigur.“

„Ich wollte doch nur ...“, versucht Koslowski letzten Widerstand, den Herr K. im Keim erstickt: „Maaan, diese Blasiertheit, die immer was sucht, wovon sie sich absetzen kann. Darf’s noch ein bisschen mehr sein? Wie wisch ju a plessent dschörni? Und soll ich Ihnen was sagen, Koslowski: Ich kann’s auch nicht besonders. Englisch. Zu meiner Zeit war noch kein Geld da, mich per Work Travel um die Welt zu schicken. Und meinen Englischlehrer hätten sie hier nicht mal die Fahrplanheftchen verteilen lassen.“

Herr K. ist jetzt in Fahrt wie der Zug und ahmt die Stimme von Frau Dr. Schwielow aus dem Vorstand nach: „Also wenn überhaupt, schau ich ,Big Bang Theory’ nur noch im Original. Die deutschen Synchronisationen sind sooo schlimm.“ Er spreizt den kleinen Finger am Chili-verschmierten Löffel ab. „Sänk ju vor schatt ab jor Maus!“, ruft er durch den verwaisten Bistrobereich und erschrickt ein bisschen über die eigene Verve.

Draußen fliegt die Nacht vorbei. Er hat jetzt seine Rolle gefunden ... der Rächer der Armen und Entrechteten, der Robin Hood der (Fremd)Sprachlosen. In diesem Moment ruft die stämmige DB-Kellnerin mit den türkis gefärbten Haarspitzen zu ihnen rüber: „Mior mochn jetz Schluss. Gänsefleisch mo zohl’n?!“ Koslowski funkelt siegessicher Herrn K. an: „Auf DAS hab ich gewartet. Aber Sie wollten mich ja nicht ausreden lassen.“

P.S.: Für die zu Unrecht leider ebenfalls oft diskreditierte sächsisch sprechende Minderheit wird sich diese Kolumne dann nächstes Weihnachten starkmachen.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.
Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K.auf Twitter: @herrnK

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%