Der moderne Mann
Urlaubsplanung 2015 – Krisenherd Familie

Ein Geschäftsflug im Sommer kann interessant sein – zumindest für Herrn K. Dort sieht er, wie es Führungskräften ergeht, wenn es mit Frau und Kindern in den Urlaub geht. Und er freut sich mehr auf seine eigenen Ferien.
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In den Sommermonaten spielen sich an deutschen Flughäfen merkwürdige Metamorphosen ab: Quasi über Nacht verwandeln sich Führungskräfte in kultiviert verlotterte Freizeitmenschen. Das sieht nicht immer schön aus, findet Herr K.

Er sitzt gerade am Gate und wartet auf einen Geschäftsflug. Gegenüber sitzt ein grau melierter Endvierziger in bunten Shorts mit patenter Pferdeschwanz-Gattin in Röhrenjeans und drei postpubertären Kindern, die ohne Unterbrechung hundertmal hintereinander schreien können: „Wannsindwirdawannsindwirdawannsindwir...?“, was in diesem Fall nicht als Frage gemeint ist.

Dass Herrn K.s Gegenüber normalerweise zum Topmanagement gehört, verrät nicht nur seine randlose Brille, sondern auch ein eklatanter Mangel an Tätowierungen sowie fehlende Vor-Urlaubs-Solariums-Grundierung. Der Mann ist bleich wie eine Weißwurstpelle, spielt also nicht mal Golf.

Außerdem ist sein Polo-Shirt nicht von Camp David, jener brandenburgischen Modemarken-Diarrhö, die sich dank Dieter Bohlen in den vergangenen Jahren geradezu epidemisch aus den sozialen Brennpunkten der Republik bis ins Herz der Mittelschicht gefressen hat. Camp David ist das ADHS der hiesigen Textilindustrie. Die groß bedruckten Produkte schreien einen an wie die Kinder dieses Büromenschen ihren noch nicht allzu entschleunigt wirkenden Vater: „Wannsindwirdawannsindwirdawannsindwir...?“

Herr K. ahnt, wie sich der Mann fühlt. Sein mit vielerlei Hoffnungen von Gattin und Gespons schon jetzt ordentlich überfrachteter Sommerurlaub beginnt ja nicht erst hier am Gate. Monatelang musste er allabendlich basisdemokratische Ferien-Entscheidungen herbeiführen, wo im Büro sonst ein zackiges „Das machen wir jetzt so!“ völlig genügt.

Und zählt das Votum eines Erziehungsberechtigten dann eigentlich doppelt? Könnte also das Elternpaar seine drei Kinder überstimmen, was die Urlaubsdestination angeht, oder müssten die Wahlmodalitäten gesondert beschlossen werden?

Hör mir auf mit Demokratie, Gleichberechtigung, Fortschritt, scheint Herrn K.s Gegenüber gerade zu denken, murmelt aber nur: „Thassilo, kannst du mal Ruhe geben?!“, was auch nicht als Frage gemeint ist.

Und dann erst die Überlegung: Expedia, Opodo, Trivago oder ... Gott, früher ist man in ein Reisebüro gegangen und hat gebucht, was die Fachkraft einem ans Herz legte, weil sie dafür eine Provision bekam. Heute muss man ja unbedingt ein aufgeklärter Verbraucher sein und verliert sich deshalb schon vorab im Dickicht einer unüberschaubaren Zahl von Preisvergleichsportalen und Meta-Suchmaschinen, bevor überhaupt die elementaren Fragen geklärt werden können wie: Strand oder Berge? Club oder Hotel? Kreuzfahrt oder Bildungsreise? „Wannsindwirdawannsindwirdawannsindwir...“

Für einen Moment treffen sich die Blicke von Herrn K. und seines Gegenübers. Stilles Einverständnis. Männliche Melancholie.

Nächste Woche beginnt Herrn K.s eigener Sommerurlaub. Er freut sich drauf. Ganz ehrlich.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern.

Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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