Der moderne Mann Viel Lärm um nichts

Herr K. sehnt sich nach mehr Stille im Alltag. Auslöser ist sein Flug nach Berlin – und der penetrante Krach auf den Nachbarsitzen.
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com
Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Die Welt ist so laut geworden, findet Herr K. Und damit meint er nicht einmal Donald Trump oder den Laubbläser als Accessoire des urbanen Kleinstgärtners. Aber er sitzt jetzt gerade auf Mittelplatz 25B eines Eurowings-Fluges von Köln nach Berlin. Und das heißt in diesem Falle nicht nur, dass er bewegungsarm eingepfercht ist, als sei das eine neue Foltermethode der US-Marines.

Links am Fenster hockt ein holländischer Geschäftsreisender, der mit seinem Handy sehr laut an einer Spanisch-Lektion scheitert. Der Holländer schreit „Hasta Luego“. Die App antwortet mit einer Art Verlierer-Fanfare „Düdelüddelüt“, worauf der Holländer holländische Flüche in sein Handy ruft.

Rechts sitzt derweil ein Mittdreißiger und hört über seine Micky-Maus-Ohren-großen Kopfhörer so laut sehr melodiefreie Musik, dass Herr K. auch noch auf der Bordtoilette mitwippen könnte. Und das alles in so einem Hochfrequenzbereich, dass handelsübliche Haustiere in einem Anfall von Wahnsinn längst unter sich gemacht hätten. Bei jedem Rauhaardackel wäre die Empathie dann groß, aber Herr K. ist ja nur eine Führungskraft mittleren Alters. „Düdelüddelüt“ macht es links wieder.

Beide Phänomene – die sehr laute Handy-Kommunikation und die riesigen Kopfhörer – sind erdgeschichtlich eher neu, wurden Herrn K. aber früh durch seine Kinder nahegebracht. Irgendwann hatte sich seine 16-jährige Tochter ihr Handy nicht mehr ans Ohr gehalten, sondern beim Telefonieren frontal darauf eingeredet. Er hat nie zu fragen gewagt, warum das mittlerweile alle unter 30-Jährigen machen. Kommunizieren sie nur noch per Facetime und wollen also auf ihren Gesprächspartner starren beim Reden? Oder hat irgendein Youtube-Influencer das Gerücht in Umlauf gesetzt, dass man sonst Ohrenkrebs bekommt wegen irgendeiner Strahlung? Düdelüddelüt.

Jedenfalls muss Herr K. in deutschen Innenstädten seit geraumer Zeit durch schreiende Menschenmassen laufen. Alle reden und alle immer lauter, weil sie ja die anderen Handy-User übertönen müssen. Und dann gibt es eben noch jene, die mit Kopfhörern kontern wie der Typ rechts in seiner Flugzeugreihe. Warum kann der nicht in normaler Zimmerlautstärke ein Martin-Suter-Hörbuch genießen? Und in welcher Stimmung mag der dann nach einer Flugstunde Death-Metal-Lärm bei seinem Meeting ankommen?

Die Handyschreier und die Kopfhörermanager sind wahrscheinlich zwei Seiten der gleichen Medaille. Nur welcher? Will der mit den Kopfhörern sich mit seinem ganz eigenen Lärm nur vor dem Krach der anderen schützen? Aber warum muss Herr K. dazwischen sitzen?

Ihr Flugzeug hebt gerade ab, und in diesem Moment macht Herr K., was er in solchen Momenten immer tut: Er schläft ein. Trotz holländischen Spanisch-Geschreis und Micky-Maus-Ohren. Kurz bevor er wegnickt, überlegt er noch, was der ganze Quatsch über die Menschheit an sich verrät. Da jodelt es schon wieder: „Düdelüddelüt.“

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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