Der moderne Mann
Warten auf den Flüchtlingschor

Einfach nur essen gehen reicht längst nicht mehr: Weihnachtsfeiern sind längst zum Großevent geworden. Die Sekretärin von Herrn K. hat sich bei der Organisation alle Mühe gegeben – und ist im Krankenhaus gelandet.
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Dass die diesjährige Betriebsweihnachtsfeier im örtlichen Krankenhaus enden würde, konnte Herr K. nicht ahnen. Auch wenn er hier jetzt nur zu Besuch ist. „Nie wieder“, sagt seine Sekretärin. „Nie wieder organisier‘ ich diese Kack-Weihnachtsfeier.“ Ingeborg Jung ist in ihrer Wortwahl sonst filigraner, aber dann hat sie auch keine Infusionsnadel im Arm. Herr K. sitzt am Fußende auf einem Kunstleder-Hocker und hält sich an dem Grabschmuck fest, den er kurz zuvor an der Tankstelle gekauft hat.

„Ich hab‘ gleich gesagt, dass das mit dem syrischen Kinderchor eine Schnapsidee ist. Aber wollte ja keiner hören.“ Herr K. hat bei irgendeinem Führungskräfte-Coaching mal gelernt, dass es Momente gibt, in denen Zuhören die beste Strategie ist. Er nickt. „Und ich dumme Suppe lass‘ sogar noch so eine Eventagentur ran“, lacht Frau Jung jetzt höhnisch.

Was hatte sie in den vergangenen Monaten (zum Arbeiten war sie kaum noch gekommen) alles erwogen: Tagesausflug nach Rothenburg ob der Tauber samt Einkaufsgutschein für Käthe Wohlfahrts Weihnachtsdorf. Eislauf-Get-Together samt Glühwein-Büdchen (kann man sich heute alles auf dem Firmenparkplatz anlegen lassen). Weihnachtspyramiden-Workshop mit einem Original-Holzschnitzer aus dem Erzgebirge. Einfach nur essen zu gehen reicht jedenfalls längst nicht mehr.

Vor Herrn K.s innerem Auge läuft erneut der ganze Film ab, der stattdessen dann ablief: Vielleicht hätte man zum Schrott-Wichteln in der Abteilung nicht schon vier verschiedene alkoholische Heißgetränke anbieten sollen. Frau Stibbenbrooks Lumumba roch doch recht streng, als sie ihn in die Hydrokultur vor der Kantine erbrach. Aber da bahnte sich das Fiasko schon an. Dabei hatte der Eventmanager für den gemeinsamen Besuch des Weihnachtsmarktes sogar vegane Grillwürstchen und Low-Carb-Crêpes besorgt.

Nur sollte er dann die syrische Kindergruppe abholen, die eigens „Stille Nacht“ einstudiert hatte. Spendenaktion inklusive. So wurde es acht Uhr, neun Uhr, zehn Uhr. Eventmanager und syrische Kinder tauchten nicht auf, dafür drei alleinreisende Jugendliche aus diversen Maghrebstaaten, die sich mit Koslowskis punschgeschwängertem Gepöbel nur bedingt anfreunden konnten. Es war dann kein schöner Anblick, wie Frau Jung vor den drei Polizeistreifen durchdrehte. „Weihnachtsfeier-Burn-out“, sagten die Rettungssanitäter, als sie Frau Jung sedierten.

Jetzt ist alles ruhig. Herr K. lächelt: „Es geht wieder aufwärts, Frau Jung“, versucht er ein bisschen auf Optimismus zu machen. „Koslowski soll sogar noch vor Weihnachten aus dem künstlichen Koma geholt werden. Alles wird gut.“ In diesem Moment springt die Zimmertür auf, und - ho, ho, ho! - der Krankenhaus-Clown stürmt mit Patienten der Kinder-Krebsstation herein.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist - beruflich wie privat - bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will künftig die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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  • Apropos „Außer nett zueinander sein“:

    Weihnachten ist ja schon fast vorbei, die Weihnachtszeit aber nicht; also, kein Grund, nicht noch ein wichtiges Detail dazu nachzuliefern: Und zu uns selbst auch.

    Es heißt ja schließlich "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst".

  • Frohe Weihnachten allerseits! Und immer schön dran denken:

    Wir müssen gar nichts. Außer nett zueinander sein.

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