Der moderne Mann

Weihnachtsgrüße mit Gravitas

Die Weihnachtsgrüße aus Dax-Konzernen wirken oft wie Grabbeigaben. Aber warum werden jedes Jahr weltweit so viele hässliche Firmen-Karten verschickt? Herr K. hat da eine Theorie.
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Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an:  herr.k@handelsblatt.com
Herr K. – der moderne Mann

Herr K. schreibt auf Handelsblatt Online über den Alltag des modernen Manns. Anregungen bitte an: herr.k@handelsblatt.com

Die schlimmste Heimsuchung der Adventszeit ist nicht das facettenreiche Spirituosenangebot bei der Betriebs-Weihnachtsfeier oder die nervenzerfetzende Last-Christmas-Dauerschleife im Hüttendorf-Albtraum am Marktplatz. Oh nein, der wirkliche Wahnsinn, davon ist Herr K. fest überzeugt, sind die Firmenkarten, die er jetzt wieder haufenweise geschickt bekommt.

Er sitzt in seinem Büro und schaut sie sich alle an: von der „Merry Xmas“-Klappkarte irgendeiner hippen Fintech-Firma, von der er noch nie gehört hat, bis zum Büttenpapier, auf das ein windiger PR-Mann irgendwas von Antoine de Saint-Exupéry gedruckt hat. „Sinnsprüche gehen immer, die haben Gravitas“, sagt Koslowski, der von Gravitas so viel versteht wie Martin Schulz vom Regieren. Herr K. ist sich jedenfalls sicher: Es gibt keine schönen Firmen-Weihnachtskarten.

Das heißt, manchmal sind doch wirklich bezaubernde dabei ... große, fröhliche 3D-Faltkarten mit witzigen Motiven, eingebettet in einen kleinen Styropor-Schneesturm und schwungvoll handsigniert von irgendwelchen Babettes und Benjamins, die er nicht kennt. Absender sind Start-ups, die es ein Jahr später dann nicht mehr gibt.

Insofern würde Herr K. die These wagen: Je erfolgloser eine Firma, umso schöner ihre Weihnachtskarten. Es gibt dazu sicher schon Diplomarbeiten an drittklassigen Kleinstadt-Universitäten im amerikanischen Mittelwesten, wo der negativen Korrelation von Kartenästhetik und Geschäftserfolg viele Semester lang empirisch auf den Grund gegangen wurde.

Je größer die Konzerne, umso langweiliger werden jedenfalls die Karten. Die Grüße aus Dax-Konzernen wirken eher wie Grabbeigaben. Und sicher sitzt bei Siemens jedes Jahr ein Team zusammen, wo dann der Controller sagt: „Wir sparen 1,2 Millionen Euro, wenn wir die Dinger sein lassen.“ Dann sagt einer aus dem Marketing: „Unterschätzt die Customer Relation nicht.“ Und der Dritte stöhnt auf: „Als hätten wir gerade keine anderen Probleme.“ Dann sagt der aus dem Marketing wieder: „Die Post AG verschickt übrigens ganz tolle Adventskalender mit Lindt-Schokolade drin.“ Und dazu grinst er den Controller an, hinter dessen hoher Stirn schon die Rechenmaschine rattert, bevor er sagt: „Und wenn wir Mails mit niedlichen Turbinen-GIFs versenden?“

„Wo sind eigentlich meine Weihnachtskarten?“, ruft Herr K. in sein Vorzimmer. „Aber Sie wollten doch keine schreiben“, sagt seine Sekretärin im Türrahmen. „Weil die Dinger so ausnehmend hässlich sind. Das waren Ihre Worte.“ „Ja ja, stimmt schon“, sagt Herr K. „Hab’s mir anders überlegt.“ Er will sich schlicht rächen für all den Blödsinn auf seinem Tisch. Gleich morgen wird er anfangen. Customer Relation und so.

Und das ist der Grund, weshalb auch dieses Jahr auf der ganzen Welt so viele hässliche Firmen-Weihnachtskarten verschickt werden.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK

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